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hart

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241

Sonntag, 15. Februar 2015, 12:25

Hugo Distler *24. Juni 1908 in Nürnberg; † 1. November 1942 in Berlin



Am Allerheiligentag des Jahres 1942 hat sich Hugo Distler von dieser Welt verabschiedet; er war erst 34 Jahre alt. Das im Bild gezeigte Holzkreuz wurde erst zum Anlass seines 40. Geburtstages unter dem Gesang der Evangelischen Kirchenmusikschule Halle auf dem Stahnsdorfer Waldfriedhof enthüllt. Im oberen Bereich sieht man das Relief einer Kirchenorgel und unter dem Sterbejahr ein Hinweis auf Johannes 16,33: »In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden«

Die Angst erfüllte ihn von Kindestagen an und begleitete ihn bis ans Lebensende. Hugo Distler wurde außerehelich geboren; die Mutter war Schneiderin, der Vater ein Maschinenbauingenieur aus Stuttgart. Die Mutter heiratete 1912 einen Deutschamerikaner, verlässt den vierjährigen Hugo und wandert in die USA aus, eine angedachte Adoption scheiterte aus familiären Gründen; wer weiß, was aus Hugo Distler in Chicago geworden wäre - und so wächst Hugo Distler nun bei den Großeltern in Nürnberg auf. Hier ist zwar für den Enkel gut gesorgt, aber man darf vermuten, dass das Kind trotzdem bemerkte, dass es im Grunde unerwünscht ist. Die Großeltern unterhielten eine Metzgerei, musische Dinge standen hier nicht gerade im Vordergrund.
Mit dem Eintritt in die Schule eröffnete sich dem Jungen eine neue Welt und er entwickelte sich zu einem begeisterten Leser. Die Großeltern ermöglichten den Besuch des Nürnberger Realgymnasiums, wo er von seinen Lehrern Anerkennung fand. Distlers Mutter war inzwischen verwitwet und kam 1919 mit ihrem in Amerika geborenen Sohn wieder nach Nürnberg ins elterliche Haus zurück.
Zuerst fiel der Klassenlehrerin in der Volksschule auf, dass der Junge musikalisch außerordentlich begabt war und sie riet den Großeltern zu einer instrumentalen Ausbildung für den Jungen; ihm wurde Klavierunterricht erteilt. Hier waren rasch Fortschritte erkennbar, aber die Großmutter starb und der Großvater erkrankte; der Unterricht konnte nicht mehr finanziert werden. Er versuchte nun eine Freistelle am Städtischen Konservatorium zu bekommen, wurde jedoch zweimal abgewiesen; der junge Distler war davon überzeugt, dass bei der Ablehnung seine familiären Verhältnisse eine Rolle spielten, sein Selbstbewusstsein war erheblich erschüttert. Aber sein Lehrer, Carl Dupont, ermöglichte eine kostenlose weitere Ausbildung.
Nach seinem Abitur im April 1927 bestand er die Aufnahmeprüfung am Landeskonservatorium in Leipzig mit Auszeichnung! Distler war dann später sehr daran interessiert, dass seine Werke in Nürnberg aufgeführt wurden, der Stachel der Ablehnung saß tief; es war ihm eine Genugtuung zu zeigen, was aus ihm, dem einst Abgelehnten, inzwischen geworden war.
Eine Tante Distlers wohnte in Leipzig und er konnte bei ihr über ein Zimmer mit Klavier verfügen. Hugo Distlers Studienziel war die Laufbahn eines Kapellmeisters, das zweite Hauptfach Klavier. Nachdem die Lehrer den scheuen jungen Mann entsprechend beobachtet hatten, rieten sie ihm dazu auf die Studienfächer Komposition und Orgel zu wechseln. Zu diesem Zeitpunkt war aber an eine kirchenmusikalische Ausrichtung noch nicht gedacht. Glückliche Umstände fügten es, dass Distler noch im ersten Semester in die Orgelklasse Günther Ramins, der damals schon Organist an der Thomaskirche war, aufgenommen wurde. Ein weiterer wichtiger Orgellehrer war Professor Friedrich Höger, der in seiner Erinnerung über die Jahre 1930/31 berichtet:

»Distler kam als ziemlich schüchterner Schüler zu mir, dem man gut zureden und dem man Mut machen mußte. Er begegnete mir immer höflich und anständig, doch wirkte sein Verhalten manchmal wie eine Abwehrstellung, was ich mir aus seiner harten Jugend erklärte. Er war ein liebebedürftiger Mensch und hochbegabter Komponist.«

Es ergab sich, dass in Lübeck eine Organistenstelle in der St. Jakobi-Gemeinde zu besetzen war. Günther Ramin schrieb dem Studenten Distler ein brillantes Zeugnis und dieser wurde zum Probespiel geladen und konnte sich unter insgesamt drei Bewerbern durchsetzen.
Für Distler bedeutete sein Dienstantritt an St. Jakobi zum 1.Januar 1931, dass er sein Studium abbrechen musste. Seine Lübecker Amtszeit währte bis 1937. Bereits in seinem ersten Lübecker Jahr kam bei »Breitkopf & Härtel« Distlers Choralmesse heraus, was auch etwas Geld zum an sich eher kärglichen Gehalt des Organisten einbrachte. Hier war es ihm auch möglich, seine Kompositionen mit einem gut geschulten Chor praxisnah zu erproben.
Natürlich traf Distler auch seine zukünftige Frau beim Musizieren - wo auch sonst ... Waltraut Tienhaus, die Tochter eines Gymnasialprofessors; im Oktober 1933 wird geheiratet. Der »Polterabend« war nicht von dieser Welt - am Vorabend der Hochzeit gastierte der Thomanerchor unter der Leitung von Karl Straube und Günther Ramin an der Orgel in St. Jakobi. Aber neben dieser Heirat erfolgten auch gewaltige politische Veränderungen. Distlers Betätigungen hatten sich gewaltig vergrößert, der Sommerurlaub wurde zu einem Abstecher nach Bayreuth genutzt, wo Distler Richard Strauss bei den Aufführungen »Meistersinger« und »Parsifal« erleben konnte.
Mit Beginn des Wintersemesters 1933/34 nahm Distler eine Lehrtätigkeit an der Kirchenmusikschule Berlin-Spandau auf. Das war dann doch alles etwas zu viel und es kam zum Nervenzusammenbruch. Inzwischen interessierten sich große Namen in der Musik für Distlers Kompositionen und seine »Weihnachtsgeschichte« wurde in vielen deutschen Städten aufgeführt und auch im Rundfunk übertragen. Der Sender Hamburg beauftragte Distler anlässlich der Feiern zum 175. Geburtstages Friedrich von Schillers das »Lied von der Glocke« zu vertonen, eine Arbeit, die in der Nähe von Mittenwald während des Sommerurlaubs erledigt wurde.
In verstärktem Maße strebte der noch junge Mann eine Stellung an einem Konservatorium an, Distler hatte seine Freude am Lehren entdeckt. Als ihn ein Angebot der Staatlichen Hochschule für Musik in Berlin erreichte, war er deshalb voller Freude, wurde aber fast zeitgleich auch von einem Angebot aus Stuttgart überrascht. Als Hugo Distler Lübeck verließ, lagen bereits die bedeutendsten seiner kirchenmusikalischen Werke gedruckt vor.
Am 1. April 1937 trat Distler seine Lehrtätigkeit an der Württembergischen Hochschule für Musik in Stuttgart an; seine Lehrfächer waren: Musiktheorie, Formenlehre und Chorleitung. Zunächst war er von seinem neuen Arbeitsplatz hell begeistert, aber rasch trübte sich das scheinbar gute Arbeitsklima ein, der NS-Studentenbund mochte an Distlers kirchenmusikalischen Aktivitäten keine rechte Freude finden, sie fanden Distlers Kompositionen »undeutsch«. Die Lage spitzte sich immer mehr zu, sodass Distler sein Amt zur Verfügung stellte. Aber sowohl Direktor, Präsident und Lehrerschaft als auch ein Großteil der Studenten standen auf Distlers Seite - die kirchenfeindlichen Kräfte mussten sich entschuldigend zurückziehen. Etwas verwunderlich ist, dass der Pazifist Distler 1940 das Kriegslied für Männerchor »Morgen marschieren wir in Feindesland« komponierte.
Distlers Bekanntheitsgrad war in der Zwischenzeit beträchtlich angestiegen und namhafte Verlage druckten seine Kompositionen. Aber drohende Wolken zogen auf, wegen Beginn des Krieges wurde die Hochschule für einige Zeit geschlossen, nahm aber im November 1939 wieder ihren Betrieb auf, jedoch unter erschwerten Bedingungen. Einige Lehrkräfte waren einberufen worden und mussten vertreten werden und die Schülerzahlen waren gesunken. Im Dezember 1939 wurde auch Distler »erfasst« und im Januar 1940 folgte die Musterung. Inzwischen lag in Berlin jedoch eine Eingabe des Württembergischen Kultusministeriums vor, ein Antrag auf eine Professur für Hugo Distler. Natürlich hatte er Angst davor zum Kriegsdienst gezwungen zu werden, es fanden sich aber immer wieder einflussreiche Leute, die dies abwenden konnten; am 14. Oktober 1942 bekommt Distler schließlich seinen sechsten Stellungsbefehl ...

Aber wir sind ja erst noch im November 1939. Im Folgenden konzertierte Distler sehr viel in der Öffentlichkeit, weil er sich unter anderem davon auch versprach eine unabkömmliche Position im kulturellen Leben zu erlangen, die ihn vor dem Militärdienst schützt. Im Mai 1942 wurde Hugo Distler in Anerkennung seiner künstlerischen, kompositorischen und pädagogischen Tätigkeit zum Professor ernannt. Gleich darauf war es für ihn eine Riesensache in der großen St. Lorenzkirche seiner Heimatstadt, wo er einst am Konservatorium wegen »mangelnder Begabung« abgelehnt wurde, zu konzertieren. In der »Nürnberger Zeitung« wurde das Konzert positiv rezensiert, der Schlusssatz der Kritik las sich so: »Ein Orgelvirtuose von leidenschaftlichem Temperament und ein Bach-Kenner großen Stils präsentierte sich in der Person Hugo Distlers.«
Obwohl Distler seine Stuttgarter Jahre in der Rückschau als seine schönste Zeit bezeichnete, folgte er einer Berufung nach Berlin, was einen beruflichen Aufstieg für ihn bedeutete.
Zum Semesterbeginn begab sich Distler Ende September 1940 zunächst alleine nach Berlin, während seine Familie noch weiter außerhalb Stuttgarts wohnte. Als Distler in Strausberg, nahe Berlin, eine Wohnung gefunden hatte, kam die Familie im November nach.
Trotz sich häufender kriegerischer Einflüsse stand das Berliner Musikleben immer noch auf hohem Niveau. Natürlich war der zunehmende Mangel an Männerstimmen ein Problem für den Chordirigenten. Distlers Chorproben waren nicht gerade einfach und so gab es auch hier, wie andern Orts vorher auch, murrende Unruhe. Trotzdem war es nicht einfach in so einen Chor aufgenommen zu werden, es war dazu eine strenge Prüfung zu absolvieren.
Neben kriegsbedingten Einschränkungen war auch im Kulturbereich der zunehmende Einfluss der Politik spürbar, wobei ausgerechnet im Zentrum der Macht, also in Berlin, noch erstaunliche Freiheiten möglich waren. In internen Kreisen der Berliner Hochschule konnten noch Werke von Bartók, Hindemith, Strawinsky, Webern, Schönberg und anderen aufgeführt werden.
Zum 1. April 1942 wurde Distler mit dem Amt des Direktors des Berliner Staats- und Domchors, einem Chor, der schon seit 1843 bestand, betraut. Aber diese neue Aufgabe war neben seiner Tätigkeit an der Hochschule zu bewältigen. Bei der der Arbeit mit dem Knabenchor kamen Distler die Verpflichtungen seiner Jungs in der HJ in die Quere. Zudem passte es der politischen Kulturbürokratie nicht, dass sich Distler so sehr der Komposition von Kirchenmusik hingab, man strebte von dieser Seite die Verdrängung christlicher Einflüsse auf das Volksleben an.
Distler hatte längst eine kritische Haltung zu dem was da vor sich ging; er verlor seinen Bruder vor Leningrad, musste aus der Ferne erleben wie Lübeck, seine langjährige Wirkungsstätte zerstört wurde und sah mal wieder einem Stellungsbefehl entgegen; am 25. Oktober 1942 wurde er zur Nachmusterung einbestellt und erhielt vom Wehrbezirkskommando den Gestellungsbefehl zum 3. November. Die seelischen Belastungen waren für ihn unerträglich geworden.

Er lud seine Verwandten aus Leipzig ein und übernahm im Sonntagsgottesdienst noch einmal selbst die Leitung des Staats- und Domchors. Seinen Verwandten hatte er gesagt, dass sie nach dem Gottesdienst ohne ihn nach Strausberg zurück fahren sollten, weil er noch eine Besprechung hätte.
Als er zum Nachmittagskaffe immer noch nicht zu Hause angekommen war, begab man sich nach Berlin, um nach ihm zu suchen. Seine Frau fand ihn schließlich in der Dienstwohnung; er hatte den Gastod gewählt, neben ihm fand man den Abschiedsbrief. Am 5. November begrub man ihn auf dem Waldfriedhof in Stahnsdorf. Als er zur letzten Ruhe geleitet wurde, sang zum Abschied der Staats- und Domchor. Unter den Trauergästen war damals auch noch Dietrich Bonhoeffer.
Das Holzkreuz auf Distlers Grab wurde an seinem 40. Geburtstag enthüllt, während die Evangelische Kirchenmusikschule Halle sang.

Wenn man sich mit Hugo Distlers Leben befasst, stößt man ganz nebenbei auch auf Musikernamen, die man aus ganz anderen Zusammenhängen kennt.
So gründete der Kirchenmusiker Klaus Fischer-Dieskau, der ältere Bruder des berühmten Liedsängers Dietrich Fischer-Dieskau, schon 1953 den Berliner Hugo-Distler-Chor. Klaus Fischer-Dieskau war an der Berliner Musikhochschule Schüler von Hugo Distler gewesen.
Auf einem Konzertplakat, das eine Heinrich Schütz-Feier unter Leitung von Professor Hugo Distler anzeigt, findet man unter den Solisten den Namen der Konzertsängerin Margarete von Winterfeld - das war in späteren Jahren die Gesangslehrerin von Fritz Wunderlich an der Musikhochschule Freiburg. Diese Künstler konnten in einer günstigeren Zeit wirken, als dies Hugo Distler möglich war; was hätte er wohl noch schaffen können?

Praktischer Hinweis:
Man wendet sich vom Haupteingang kommend am Infohaus gleich nach rechts und erreicht das Grab nach etwa 200 Metern im Bereich Reformation, Feld 10 - im Friedhofsplan ist das Grab mit der Zahl 8 gekennzeichnet.

hart

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242

Donnerstag, 19. Februar 2015, 14:30

Die Lieban-Brüder - Heute hat Julius Lieban Geburtstag





Julius Lieban - (Tenor) *19. Februar 1857 Lundenburg, heute Břeclav (Tschechien) - †1. Februar 1940 Berlin
Heute ist der Geburtstag von Julius Lieban, der zusammen mit seinem Bruder Adalbert in diesem kaum auffindbaren Grab liegt. Die Stelle ist zwar nur etwa 500 Meter vom Haupteingang des Südwestkirchhofs Stahnsdorf entfernt, aber so naturnah verborgen und mit schwer lesbarer Beschriftung, dass es eher übersehen, als gefunden wird; die schattenwerfenden Pflanzen sorgen für weitere Beeinträchtigung. Man muss den Text regelrecht ertasten, um festzustellen, dass hier steht:
JULIUS LIEBAN
KGL. PREUSS. KAMMERSÄNGER
*19.2.1857 †31.1.1940


Die Grabstelle befindet sich im Gräberfeld »Erlöser«, das auf dem Friedhofsplan so ausgewiesen wird. Noch genauer: Erlöser, Feld 5, Grab 66/67

Julius Lieban war der Sohn eines jüdischen Kantors. Neben ihm gab es noch drei singende Brüder, aber Julius hatte wohl die höchste künstlerische Position und begeisterte bei einem Gastspiel in Berlin sogar Richard Wagner, als Lieban dort den »Mime« sang. Der Meister stürmte enthusiastisch auf den jungen Lieban zu und rief: »Ausgezeichnet haben Sie ihre Sache gemacht, großartig!«

Der Sänger wurde in Lundenburg, das heute Břeclav heißt und in Tschechien liegt, geboren. Er soll, so steht zu lesen, im Alter von 14 Jahren seinem Elternhaus entflohen sein. Zunächst fiedelte er bei einer Zigeunerkapelle, danach findet man ihn im Orchester des Theaters an der Wien in Wien. Dokumentiert ist ein Gesangsstudium bei Professor Josef Gänsbacher in Wien, der ihn nach Leipzig empfahl. Zunächst sang er in Leipzig Baritonpartien; entwickelte sich jedoch mit der Zeit zum Tenor-Buffo
Der junge Sänger geriet in die allgemeine Wagner-Euphorie, die sein Operndirektor Angelo Neumann in Leipzig entfachte. Leipzig war die erste Bühne, die den Ring 1878 innerhalb von vier Monaten geschlossen aufführte und noch in derselben Saison 78/79 zu Gesamtaufführungen innerhalb einer Woche überging.
So war Julius Lieban auch 1882-83 mit von der Partie als Neumanns Truppe - mit allem was man zu einer Opernaufführung braucht (einschließlich der Schwimmwagen für die Rheintöchter) - mit einem Sonderzug für ein dreiviertel Jahr kreuz und quer durch Europa fuhr und in dieser Zeit in 55 Städten den Ring an die 35 Mal aufführte.
In der Frage ob Julius Lieban in Bayreuth gesungen hat, sind die Darstellungen in der Literatur unterschiedlich. In der Saison 1881-82 hat er ein Engagement an der Komischen Oper Wien.1882-1912 war er an der Berliner Hofoper verpflichtet, wo er in einigen Uraufführungen sang. Ab 1912 verlegt er seine Tätigkeit an die Städtische Oper, wo er bis 1815 singt, aber auch Gastspiele an der Hofoper und an führenden europäischen Opernhäusern absolviert. Zunehmend widmete er sich nun pädagogischen Aufgaben und hatte einige Schüler, denen er seine Erfahrungen weiter gab. An seinem 75. Geburtstag soll er noch seinen »Mime« an der Staatsoper gesungen haben. Verheiratet war er mit der Sängerin Helene Lieban-Globig.

Adalbert Lieban (Bariton) *2. Juli 1877 Wien - †5. November 1951 Berlin
Der Bruder schlug ebenfalls die Sängerlaufbahn ein; sang 1899-1901am Opernhaus Breslau, dann bis 1906 am Stadttheater Danzig. 1906-08 ist er im Lortzing-Theater zu Berlin aktiv. 1908-09 versucht er sich als Operettensänger am Apollo-Theater in Düsseldorf. In den Jahren 1909-15 ist er als Sänger und Regisseur am Stadttheater Münster i. W. Danach wirkt er bis 1918 in Halle/Saale und lebt dann gastierend in Berlin.
Adalbert Lieban überlebte seine drei Brüder.
Siegmund, starb als erster, auf dem Höhepunkt seiner Karriere; Adolf, der Bassist, stand den neu aufkommenden Techniken sehr aufgeschlossen gegenüber und war bei Rundfunk- und Schallplattenentwicklung mit dabei.
Es gibt eine Quartett-Aufnahme, auf der alle vier Brüder zu hören sind.

musikwanderer

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243

Donnerstag, 19. Februar 2015, 17:55

Danke, lieber hart, für diesen Beitrag. Wie Operus schon oft genug geschrieben hat (was ich hiermit gerne bestätigen will), ist das Tamino-Forum gut für ständig neue Erkenntnisse und Erfahrungen. Von den Lieban-Brüdern habe ich noch nie etwas gehört. Muss ich mich jetzt verkriechen ?(

:hello:
.

MUSIKWANDERER

hart

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244

Donnerstag, 19. Februar 2015, 20:32

Eine akustische Ergänzung

Muss ich mich jetzt verkriechen

Nein, lieber Musikwanderer, das musst Du natürlich nicht; ich wollte ja nur etwas im Bilde festhalten, was vermutlich in einigen Jahren ganz verschwunden ist.
Mir fiel dazu der Text am Schicksalsbrunnen, der links der Stuttgarter Oper steht ein:
»... heute stehst du fest und groß, morgen wankst du auf der Welle.« Einst waren die Liebans gefeierte Sänger und Julius fand gar den Beifall Richard Wagners
- und nun wächst so langsam Gras drüber ...
Schade, dass man nicht hören kann, wie er Wagner singt, aber bei YouTube kann man die Stimme von Julius Lieban in einer Aufnahme hören, die einen ganz eigenartigen Gesangsstil zeigt, offensichtlich liebte das Publikum damals solcherart eigenwillige Interpretationen. Der Sänger bietet hier aus Jacques Offenbachs »Orpheus in der Unterwelt«: Als ich noch Prinz war in Arkadien, leb´t ich in Reichtum, Glanz und Pracht ...
Wie gesagt, unserem heutigen Geschmack entspricht das nicht, aber wenn man schon einmal beim Rückblicken ist, kann man das auch mal akustisch tun ...

Rheingold1876

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245

Donnerstag, 19. Februar 2015, 22:14

Lieber hart, dem Dank an Dich von Musikwanderer schließe ich mich sehr gern an. Ich lese Deine entdeckungsfreudigen, interessanten und höchst inspirierenden Beiträge in diesem Thread mit großem Gewinn. Nun also die Liebans. Man muss sie nicht (mehr) kennen, aber es schadet einem nicht, wenn man sie kennt. Ungewöhnlich ist es allemal, dass gleich vier Brüder mit Erfolg als Sänger wirkten und eine angeheirate Frau, Helene Lieban-Globig, die Gattin von Julius, noch dazu. Es ist ein Glück, dass sich von allen auch Schallplattenaufnahmen erhalten haben. Das wenigste dürfte sich auf moderne Tonträger gerettet haben, was schade ist. Eine Aufnahmen, in der gleich zwei Brüder gemeinsam mitwirken, ist diese FLEDERMAUS von 1907 - Julius als Alfred, Adalbert als Dr. Blind.

Das von Dir erwähnte Quartett mit allen vieren ist ja in Wirklichkeit ein Sextett, nämlich "Zum Werk, das wir beginnen" aus Lortzings ZAR UND ZIMMERMANN. Oder existiert tatsächlich noch ein ganz klassisches Quartett? Für Informationen wäre ich sehr dankbar. Julius und Adalbert sind auch in zwei Duetten, ebenfalls aus ZAR UND ZIMMERMANN und aus dem WAFFENSCHMIED überliefert. Nicht mit ihrem Mann Julius sondern mit Schwager Adolf singt Hedwig das Duett "Wer uns getraut" aus dem ZIGEUNERBARON, zunächst etwas brustig, dann aber finden beide wunderbar zusammen. Adolf ist auch mit Balladen von Loewe (Die Uhr) zu hören, während Siegmund, an Hand der Aufnahmen, die sich in meiner Sammlung finden, mehr dem heiter-besinnlichen Fach zuzuordnen wäre.

Nun noch zu Deiner Bemerkung
Schade, dass man nicht hören kann, wie er Wagner singt

O doch, man kann. Es sei denn, Du hättest ausdrücken wollen, dass wir ihn nicht mehr leibhaftig hören können. Dafür sind wir nun wirklich zu jung. ;) Als Mime habe ich Julius Lieban mit zwei Szenen von Platten der Grammophon, "Zwangsvolle Plage" und "Das ist nun der Liebe schlimmer Lohn", fast zehn Minuten mit den Tenor Ernst Kraus als Siegfried von 1912. Diese beiden Stücke sind gemeinsam mit einem dritten aus dem gleichen Werk, "Er sinnt und erwägt der Beute Wert", ebenfalls mit Krauss, auf einer CD des Labels Truesound Transfers zu hören, und das in bestechend guter Qualität. So also hat sich Wagner selbst den Mime gewünscht. Zu bedenken ist allerdings, dass zwischen der von Angelo Neumann geschilderten Begegnung mit Wagner und der Aufnahmen gut dreißig Jahre liegen. Aber immerhin. Er ist verhältnismäßig lyrisch, nicht ganz so charaktervoll wie spätere Rollenvertreter. Sehr genau, sehr präzise, in der Gestaltung auf dem Punkt. Mime mit Legato. Du siehst, ich gerate jetzt auch ins Schwärmen.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

hart

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246

Freitag, 20. Februar 2015, 20:11

Informationen aus dem Lexikon

Das von Dir erwähnte Quartett mit allen vieren ist ja in Wirklichkeit ein Sextett

Lieber Rheingold,
besten Dank für Deine erweiternden Einblicke; ich selbst verfüge über keine Lieban-Aufnahme, bezüglich des erwähnten Quartetts war ich auf Lexikonwissen angewiesen. Anbei stelle ich hier diese Quelle einfach ein:

Schallplatten: Aufnahmen auf G & T (Berlin, 1903 und 1907), Lyrophon (Berlin, 1904-05), Odeon (Berlin, 1905), Favorit, Homophon, HMV, Künstler-Phonographen-Walzen (um 1900), Edison-Zylinder, Beka (Berlin, 1906-07, hier auch Duette mit seiner Gattin Helene Lieban-Globig). Auf G & T sang er den Alfred in der denkwürdigen ersten vollständigen Aufnahme der »Fledermaus« von 1907, den Dancairo in einer ähnlichen »Carmen«-Aufnahme von 1908. Auf Lyrophon existiert eine Quartettaufnahme der vier Lieban-Brüder.

[Lexikon: Lieban, Julius. Kutsch/Riemens: Sängerlexikon, S. 14340 (vgl. Sängerlex. Bd. 3, S. 2067) (c) Verlag K.G. Saur]

hart

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247

Sonntag, 1. März 2015, 01:47

Albert Lortzing *23. Oktober 1801 - † 21. Januar 1851







»Ich bin geborener Berliner, verließ aber meine Vaterstadt schon mit dem zehnten Jahre und lebte - wie es bei Künstlern häufig der Fall - stets im Auslande: am Rhein, in Leipzig, Wien etc. Vor ungefähr zehn Jahren begehrte man in Leipzig einen Heimatschein von mir. Ich wendete mich sofort an das hiesige : Polizei-Präsidium, wurde aber mit dem Bemerken, daß ich durch die zu lange Entfernung von meiner Vaterstadt meiner Ansprüche verlustig wäre, abgewiesen. Auf das ernstliche Drängen der Leipziger Behörde ertheilte mir endlich die Stadt Cöln, in welcher ich früher sieben Jahre wohnte, freundlichst einen Interimsschein für mich und meine Familie und zwar auf drei Jahre, welcher bereits drei Mal verlängert wurde, allerdings aber auch mit der Andeutung, daß eine weitere Wiederholung nicht stattfinden dürfe. Seit dem Mai dieses Jahres führte mich nun das Schicksal in meine Vaterstadt zurück und hoffe ich nicht, sie wieder verlaßen zu müßen, es ergeht daher meine ergebenste Bitte an ein hohes Polizei-Präsidium, mir und meiner Familie das Recht meiner Heimath, falls es mir wirklich entzogen sein sollte, gütigst wieder zu ertheilen, mindestens aber doch mir geneigtest andeuten zu wollen, wo die Meinigen im Falle meines Ablebens ein bleibendes Asyl zu hoffen haben.«

Dieses Schreiben, das Albert Lortzing im Jahre 1850 in Berlin verfasste gibt schon einen groben Überblick seines Lebenslaufs, aber es muss dazu noch Zusätzliches gesagt werden.
Lortzings Eltern lernten sich auf der Bühne eines »Liebhabertheaters« in Berlin kennen und nahmen 1811/12 ihren Abschied von Berlin und zogen mit ihren beiden Kindern als Schauspieler durch die Lande. Noch in Berlin bekam der heranwachsende Albert seinen ersten theoretischen Unterricht vom Direktor der königlichen Singakademie Karl Friedrich Rungenhagen.
Der zehnjährige Albert erlebte zunächst das Engagement in Breslau, dann ging die Reise weiter über Coburg, Bamberg, Straßburg, Freiburg und Baden-Baden.
Als die reisende Familie in Aachen am rheinpreußischen A-B-C-Theater engagiert wird, steht auch Albert Lortzing als Flurschütze Süßi in Schillers »Wilhelm Tell« auf der Bühne. Im Folgenden trat Lortzing Junior immer mehr sowohl als Schauspieler als auch Sänger in Erscheinung. Er sang den Don Giovanni, aber auch den Papageno oder auch mal die Titelpartie in Rossinis »Barbier von Sevilla« und war ein Liebling des Publikums, insbesondere seiner Extempores wegen; wobei er mitunter auch bei der Obrigkeit unangenehm auffiel und Lortzing deswegen auch mal für drei Tage im Arrest war, um nicht die 20 Taler Strafe zahlen zu müssen.
Was ihm als Sänger (Tenor und Bariton) fehlte, glich er durch seine Musikalität und Spielfreude aus.
In Aachen lernte der Junge Lortzing seine Frau kennen und trat in die Fußstapfen seines Vaters, er heiratete seine Bühnenpartnerin dann 1824 in Köln.
Als Lortzing 1828 in Münster seine erste Oper »Ali Pascha von Janina« auf die Bühne brachte, hatte der musikalische Autodidakt sich an seinen Vorbildern Mozart, Haydn, Schubert und Weber orientiert.
Nun trennen sich die Wege der alten und jungen Lortzings, das junge Paar findet eine zunächst angenehme Wirkungsstätte am Hoftheater zu Detmold; Albert Lortzing wird auch hier zum Liebling des Publikums. Das Engagement der Lortzings dauert hier immerhin von 1826 bis 1833 und endet, weil der Kulturetat aufgrund militärischer Aktivitäten gekürzt wird, aber auch weil die allgegenwärtige Zensur Lortzings politische Zielrichtung argwöhnisch verfolgt. Das Detmolder Theaterpublikum weint dem nun 32-jährigen Lortzing manche Träne nach; man lässt ihn nicht gerne ziehen.

Lortzing hatte mit der Theaterleitung in Leipzig gut verhandelt und wechselte nun von einem Hoftheater zu einer städtischen Bühne. Zudem waren inzwischen auch die alten Lortzings in Leipzig und der angehende Komponist traf hier auch mit Schumann, Mendelssohn und Marschner zusammen.
Das zentrale Thema für den Aufenthalt in Leipzig ist die Entstehung der Oper »Zar und Zimmermann«, die im Dezember 1837 fertiggestellt und unter dem Titel »Czaar und Zimmermann oder Die zwei Peter.« am 22. Dezember 1837 am Theater der Stadt Leipzig uraufgeführt wird. Der Komponist selbst gibt den Peter Iwanow, in der Rolle der Zimmermeisterin Wittwe Browe vermerkt das Programm: Mad. Lortzing. Die Aufführung war zwar ein Erfolg, aber die sogenannte »Fachkritik« behandelte Lortzings Werk eher herablassend, man sah in ihm den Komödianten und Faxenmacher, tat aber irritiert, weil nun so einer in der hohen Opernkunst mitmischt. Publikum und Operndirektoren sahen das dagegen ganz anders, denn die Aufführungen avancierten zum Kassenschlager, weil ja die deutsche Opernliteratur mit Stücken dieses Genres nicht gerade gesegnet war.
Der eigentliche Triumpf kam für »Zar und Zimmermann« aber erst bei der Erstaufführung in Lortzings Heimatstadt Berlin am 4. Januar 1839, also zwei Jahre nach der Erstaufführung in Leipzig. Der Komponist war allerdings nicht anwesend. Hier war nicht nur das Publikum begeistert; auch die Fachkompetente Kritik war anerkennend, die von Schumann herausgegebenen »Neuen Zeitschrift für Musik«, schrieb zum Beispiel:

»Die Oper Czaar und Zimmermann, die in Leipzig entstanden, zuerst aufgeführt und bei Breitkopf und Härtel im Clavierauszug erschienen ist, ging am 4. Januar bei vollem Opernhause pour la premiére répresentation in Scene und fand, was seit langem keiner neuen deutschen Oper passirte, unbedingten Beifall. Und das mit Recht, denn sowohl das geschickt und effectvoll bearbeitete Sujet (vom Componisten und Robert Blum) als die melodiöse , oft wahrhaft humoristische Musik, die sich durch natürlichen Fluss der Gedanken, Sangbarkeit und eine discrete, gewandte Instrumentation, die fast nirgends die Singstimme verdeckt, auszeichnet - mußte den Beifall eines unparteiischen Publikums herausfordern. Die Oper unseres Landmanns fand lebhaften Beifall; wäre er zugegen gewesen, man hätte ihn unzweifelhaft auf die Scene gerufen.«

Der Musikkritiker Ludwig Rellstab war des Lobes voll und drückte das so aus:
»Um seine zusammengefaßte Meinung über diese Oper gleich vorwegzugeben, erklärt Ref., daß er dieselbe unbedingt für das beste Werk hält, welches, solange er die kritische Feder über Musik-Ausführungen in Berlin führt, von einem jüngeren deutschen Componisten auf die Bühne gebracht worden ist. Ja es reiht sich, seinem durchschnittlichen musikalischen Werth nach, den besten Produktionen überhaupt an, die wir von gereifteren, schon durch frühere Arbeiten bekannten Musikern des In- und Auslandes im letzten Jahrzehnt auf der Bühne erscheinen sahen ... Es ist, so leicht und natürlich das Werk der Feder entfließt, doch so gereift, so besonnen, daß es weit eher das eines durch lange Studien und Erfahrungen ausgebildeten Meisters als das eines jungen Mannes zu sein scheint, der dadurch die ersten Schritte auf dem so schwierigen Terrain der Bühne versucht.«

Nach heutigen Maßstäben wäre Lortzing nach solchen Erfolgen - die Oper wurde nicht nur in Staaten des deutschen Bundes, sondern in Christiana (Oslo), Stockholm, Kopenhagen, Antwerpen, Zürich und Agram (Zagreb) und sogar in Amerika aufgeführt - ein gemachter Mann gewesen. Aber hierzulande war man damals noch nicht so fortschrittlich wie in Frankreich. So musste sich Lortzing mit Tantiemen in der Spanne zwischen etwa 20 und 110 Talern zufrieden geben, wobei die Intendanten dann das Aufführungsrecht für alle Zeiten erworben hatten; dass die Hofopernintendanz in Berlin damals 250 Taler an Lortzing auszahlte, war die Ausnahme von der Regel. Viel öfter musste er seinem Honorar hinterher laufen, und manchmal auch erfolglos. In seinem sorgfältig geführten Tantiemenheft findet sich dann hinter einem Intendantennamen schon mal die Bemerkung: »Ist ein Lump«

Einer breiteren Öffentlichkeit sind von 18 Opern, Singspielen und Liederspielen, die Lortzing geschrieben hat, etwa ein halbes Dutzend bekannt: Zar und Zimmermann / Der Wildschütz / Der Waffenschmied / Undine und vielleicht noch seine aus dem üblichen Rahmen fallende Revolutionsoper Regina.
Als Regina, Lortzings Frau, ihr elftes Kind erwartete, erfuhr der Komponist von seinem Freund Robert Blum, dass hinter dem Rücken des Komponisten auf das Ausscheiden Lortzings hingearbeitet werde. Recht bald wurde aus dem Gerücht bittere Wahrheit; er erhält die Kündigung. Auch als das Publikum ihm in Leipzig zujubelt und skandiert: »Lortzing hierbleiben!« Der Abgang war von langer Hand vorbereitet worden, man wolle Lortzing gesundheitlich schonen, war das vorgeschobene Argument.

Nun hatte sich für Lortzing eine Möglichkeit in Wien aufgetan, sodass er schweren Herzens im April 1846 seine Reise nach Wien antrat, wo er seine Kapellmeisterpflichten mit dem noch jungen Franz von Suppé teilte.
Inzwischen war ja »Undine« in Magdeburg und Hamburg herausgekommen und in Wien kam sein »Waffenschmied« beim Publikum ebenfalls gut an, wenn auch die sogenannte Fachkritik die üblichen Nörgeleien hochleben ließ. Lortzings Resümee nach der Spielzeit 1846/47 in Wien: »Hier spricht kein Schweinehund mit mir«
Die Bedingungen am Wiener Theater waren nicht gerade ideal und im März 1848 beginnt dort die Revolution, wo man dann schon mal auch Franz Liszt bei den Barrikaden sah.
In dieser Zeit beginnt Lortzing seine Revolutionsoper »Regina«, die einen ganz anderen Lortzing zeigt, aber natürlich besteht nach der Fertigstellung der Oper an den Theatern keinerlei Bedarf für ein solches Werk, der Komponist erlebte die Uraufführung nicht mehr, und das war gut so, denn »Regina« wurde 1899 »auf allerhöchsten Befehl« an der Hofoper Berlin aufgeführt, aber so, dass sie Lortzing wohl kaum wieder als sein Werk erkannt hätte. So wurde diese Oper tatsächlich erst 1953 »richtig« in der damaligen DDR am Volkstheater Rostock uraufgeführt.
Von Lortzings oft nachgesagter biedermeierlich bürgerlicher Rührseligkeit ist da nichts zu hören. Eine kleine Textprobe:
»Wir werden Recht uns bald verschaffen - sei´s nicht mit Worten, sei´s mit Waffen.«

Das Theater in Wien ging bakrott, Lortzing war ohne Job, aber es ergab sich für ihn eine Möglichkeit zu mickrigen Bedingungen wieder nach Leipzig zu gehen. Durch Intrigen bedingt, konnte er die Stellung allerdings nicht halten und sah als letzten Ausweg, wieder - wie in jungen Jahren - als Schauspieler unter zum Teil widrigen Umständen, oft hungernd und frierend, durch die Lande zu tingeln.
Auf einer Gastspielreise nach Lüneburg erhielt er das überraschende Angebot des Berliner Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters, dort eine feste Anstellung als Kapellmeister anzutreten.
Der Komponist reiste per Bahn nach Berlin und er dirigierte schließlich auch unter tosendem Beifall am 17. Mai 1850 die von ihm komponierte Festouvertüre des neuen Hauses. Nicht nur das Publikum, sondern auch der Musikkritiker Rellstab war voll des Lobes.
Aber Zensur, Geldknappheit und andere Einflüsse trübten auch hier recht bald die anfängliche Euphorie. Obwohl Lortzings Vertrag bis 1. Mai 1851 terminiert war, wurde aus wirtschaftlichen Gründen schon zum 1. Februar gekündigt

In einem seiner letzten Briefe schrieb Albert Lortzing:
»Das arme Herz hinieden -
Von manchem Sturm bewegt -
Erlangt den wahren Frieden
Nur - wenn es nicht mehr schlägt.«


Nach seinem Tod erschien in der Zeitschrift »Europa, Chronik der gebildeten Welt« ein etwas eigenartiger Nachruf des Literaturkritikers Ferdinand Gustav Kühne:
»... Albert Lortzing war ein ... lustiger Bruder. Sein Talent war leicht, gefällig und flüssig, es diente der Gelegenheit und den Launen der Welt. Seine leicht hingeworfene Musik war populär; und doch entging er kaum dem Hungertode ... Er war in Leipzig als Schauspieler ein Liebling des Publikums; er war als solcher kein denkender, kein feiner Künstler, aber sein naturwüchsiger Humor mit dem Anflug von Berliner Esprit und Grazie war auf den Brettern geboren und hätte die Bretter nie verlassen sollen ... Ihm fehlten die gründlichen wissenschaftlichen Studien in der Musik ... Lortzing verstieg sich in die große Oper und suchte auch dort durch Schnelligkeit sowohl den fehlenden Werth, als auch den mangelnden Ertrag seiner Arbeit zu ersetzen.«

Im Folgenden dieses hier nur teilweise zitierten Artikels, wird noch mehr deutlich, dass dies ganz übler und hochnäsiger, unkultivierter Feuilletonjournalismus ist.
Scheinbar wohlwollende Musikkritiker sprechen von Lortzing als sogenannter »Kleinmeister« und bemühen den biedermeierlichen Aspekt.
Ja, Lortzing kam aus dem Volk, aus dem Milieu einer Laienschauspielgruppe und stand mit beiden Beinen im Leben, und hatte seine eigenen Ansichten, die er unter anderem so formulierte:
»Was schwafeln uns die Philosophen und Ästhetiker nicht alles vor! Besieht man jedoch ihren gelehrten Krimskrams bei Lichte, so ist nichts dran und dahinter, was sich auf Dinge zurückführen ließe, wie sie uns Figura zeigt.«

Die Größen des Berliner Kulturlebens waren zugegen, als man am Morgen des 24. Januar 1851 die sterblichen Überreste von Albert Lortzing auf dem Sophienkirchhof zu Grabe trug. Sein Grab befindet sich in nächster Nähe des Grabes von Wilhelm Bach, dem sechs Jahre vorher verstorbenen letzten Enkel von Johann Sebastian Bach.

Praktischer Hinweis:
Friedhofsadresse: Sophienfriedhof II
Bergstraße 29 / 10115 Berlin-Mitte
Grablage: Vom Eingang bei der Friedhofsgärtnerei rechts halten, das Grab befindet sich im ersten Drittel des schmalen Geländes. Die Bezeichnung im Plan: IX.-6-47/48

hart

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Montag, 9. März 2015, 10:28

Heute hat Franz Crass Geburtstag *9. März 1928 in Wipperfürth





Das ist zwar kein runder Geburtstag, aber im Beitrag Nr. 179 vom 25. Juni 2014 ist seine Ruhestätte noch mit einem Holzkreuz versehen.
Der heutige Tag sei Anlass, den Thread-Beitrag vom letzten Jahr zu aktualisieren.

An dieser Stelle sei noch einmal auf diesen Liederabend verwiesen, der bei YouTube abrufbar ist:
Liederabend FRANZ CRASS (Bass) und SEBASTIAN PESCHKO (Klavier) 1964

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Samstag, 14. März 2015, 23:01

Der Kirchenmusiker Arnold Mendelssohn - * 26. Dezember 1855 in Ratibor; † 18. Februar 1933 in Darmstadt







Dass es diesen Komponisten überhaupt gibt, wurde mir erst beim Studium des umfangreichen Familienstammbaums der Familie Mendelssohn in einer Kapelle auf einem Friedhof vor dem Halleschen Tor in Berlin bewusst.

Aber was heißt hier »Studium«, ich hab´ da mal drüber geschaut. Dieser Stammbaum ist so umfangreich, dass es tatsächlich eines regelrechten Studiums bedürfte, wollte man all diese Verzweigungen erfassen.
Arnold Mendelssohn wurde im gleichen Ort wie Eichendorff geboren und war ein Großneffe Felix Mendelssohn Bartholdys. Von seinem Geburtsort führte ihn sein Lebensweg zunächst nach Berlin und Danzig. 1876 wird in Tübingen mit wenig Begeisterung ein Semester Jura studiert, vor allem die Mutter hatte zu einem »Brotberuf« animiert.

Ab 1877 studiert Mendelssohn in Berlin Musik. Am Institut für Kirchenmusik Orgel und Klavier; an der Königlichen Akademie Komposition. 1880, nach bestandenem Examen, wird er im Bonn Universitäts-Musikdirektor und Organist an der Neuen evangelischen Kirche (heute Kreuzkirche am Kaiserplatz). Danach wirkt Arnold Mendelssohn in Bielefeld und ist gleichzeitig Kompositionslehrer am Kölner Konservatorium. Danach geht es wieder zurück nach Bonn, wo er Zugang zu Engelbert Humperdinck und Hugo Wolf findet, der ihm in einer Marathonsitzung aus drei mitgebrachten Liedbänden mit großer Leidenschaft fast alle seine Lieder vorspielt.

Am 12. November 1885 heiratet Arnold Mendelssohn Maria Cauer, eine Cousine zweiten Grades aus der Familie seiner Mutter. Die 1890 geborene Tochter Dorothea hatte das bildnerische Talent von ihrer Mutter, die Grafikerin war geerbt, die Cauers waren eine Bildhauerfamilie.
Diese Ehe war eine menschliche Tragödie. Die größte Lebensspanne hatte die behinderte Dora; die drei andern Kinder hatten kein langes Leben. Die acht Monate alte Tochter Helene starb 1888, der dreijährige Sohn Wilhelm 1890 und der achtjährige Karl 1898.
Arnold Mendelssohn machte sich Vorwürfe wegen eigener Veranlagung oder der Verwandtschaftsheirat den frühen Tods einer Kinder verschuldet zu haben.

Die Uraufführung von Mendelssohns erster Oper »Elsi, die seltsame Magd«, findet am 16. April 1896 am Stadttheater Köln statt. Seine zweite Oper »Der Bärenhäuter« erlebte ihre Uraufführung am 9. Februar 1900 im Berliner Theater des Westens. Aber bevor dieses Stück über die Berliner Bühne ging, tat sich einiges ...
Mitte der 1890er Jahre arbeitete Arnold Mendelssohn an der Oper »Der Bärenhäuter«, einem Stoff der von den Brüdern Grimm stammt. Diese Arbeit wurde von der Mendelssohn-Familie finanziell unterstützt, damit das Werk auf der Bühne erscheinen konnte.
Allerdings bekam Siegfried Wagner, der Sohn Richard Wagners, durch eine Indiskretion von Engelbert Humperdinck Wind von Mendelssohns Projekt und brachte seine Komposition des gleichen Stoffes zwei Jahre vor der Mendelssohn-Oper auf die Bühne.
Aber Mendelssohn war im Folgenden ein durchaus erfolgreicher Vokalkomponist, Organist und Chordirigent, wenngleich er natürlich von Felix Mendelssohn Bartholdy an Bekanntheit weit überstrahlt wird. Aber so wie sein großer Verwandter Felix für die Entdeckung Bachs sorgte, kann sich Arnold zugutehalten 1881 als Erster wieder die »Matthäuspassion« und 1882 die »Johannespassion« von Heinrich Schütz aufgeführt zu haben.

1891 wird Mendelssohn als hessischer Kirchenmusikmeister und Gymnasiallehrer nach Darmstadt berufen, um die Jahrhundertwende erreichen, ausgehend von Berlin, Arnold Mendelssohns Lieder einen beachtlichen Bekanntheitsgrad. In den Jahren zwischen 1900 und 1915 entstanden etwa die Hälfte seiner insgesamt 170 Liedkompositionen. Ab 1899 durfte er sich mit dem Professorentitel schmücken. 1912 lehrt er am Hoch´schen Konservatorium in Frankfurt am Main, unter anderen war Paul Hindemith einer seiner Schüler.
Arnold Mendelssohn war zu seiner Zeit ein allseits geachteter Musiker, was sich durch viele Auszeichnungen belegen lässt, unter anderem war er Ehrenbürger der Städte Leipzig (1925) und Darmstadt (1930).

MGG bewertet ihn »als eine der markantesten Persönlichkeiten seiner Zeit, als Musiker und Mensch von großer Weite des Horizontes, gleich beschlagen in Musik, Literatur, Theologie und Philosophie, wie als eigenwilligen Denker.«
Und in JUNGE FREIHEIT vom 13. Dezember 2013 wird eine CD so besprochen (Auszug):
»Mendelssohn, der "Klassizist mit romantischen Neigungen", ist keiner dieser opernden Kapellmeister. Seine Kammermusik ist raffiniert und tief zugleich. Sie hat ein offenes Ohr verdient. Und ihr Komponist hat das Zeug, in der Musikgeschichte weit mehr zu gelten, als nur der Lehrer Paul Hindemiths zu sein.«

Nachdem Arnold Mendelssohn 1933 an einem Herzanfall in Darmstadt gestorben ist, sind die politischen Verhältnisse kein gutes Umfeld um seine Musik zu pflegen. Die Plastik »Das Mädchen mit dem Tränenkrug« gestaltete die behinderte Dora Mendelssohn für das Grab ihres Vaters.

Die Streichquartette op. 67 & 83 findet man auf einer cpo-CD

Praktischer Hinweis:
Das Grab befindet sich auf dem Friedhof Darmstadt-Bessungen.
Vom Eingang an der Seekatzenstraße geht man etwa 80 Schritte geradeaus auf einen solitär stehenden Baum zu und biegt dort im rechten Winkel ab, 50 Schritte weiter steht man vor diesem Grab. Der Familienname im Sandsteinsockel ist meist von Efeu überwuchert und das Moos ergreift immer mehr Besitz vom Text der Ehrentafel - ein Symbol der Vergänglichkeit.

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Donnerstag, 19. März 2015, 12:38

Max Reger - *19. März 1873 - †11. Mai 1916


Das erste Reger-Grab in Weimar





Heute ist der Geburtstag von Max Reger; ein Anlass seine letzte Ruhestätte in diesen Thread einzustellen, auch wenn es kein runder Geburtstag ist.
Am 11. Mai 1916 ist der Komponist in Leipzig gestorben, aber es hatte eine Weile gedauert, bis Max Reger dann 1930 auf dem Waldfriedhof in München endlich seine letzte Ruhe fand. Im nächsten Jahr wird es wohl einige spärliche Reaktionen geben ...



Christiane Wiesenfeld schreibt über das Phänomen Reger unter anderem: »Seine Musik erfordert mehr als entspanntes Zurücklehnen und lustiges Mitpfeifen.«
Obwohl Max Reger nur 43 Lebensjahre vergönnt waren, hinterließ er mehr als 1.000 Werke. Musikfachleute bezeichnen ihn in erster Linie als Nachromantiker. Er schätzte vor allem Bach, Beethoven und Brahms, war aber auch Hugo Wolf verbunden.
Berühmtheit erlangte Reger vor allem durch seine Orgelwerke. Obwohl Reger erzkatholisch war, hatte er eine Vorliebe für protestantische Choräle. Was er hier hinterlassen hat, wird wohl immer Bestand haben. Reger komponierte zu fast allen kammermusikalischen Gattungen , alleine 310 Lieder, wovon es einige CD-Einspielungen gibt, die jedoch in Konzerten kaum angeboten werden. Auch eine Menge Bearbeitungen liegen vor, so zum Beispiel von Brahms, Chopin, Liszt, Strauss, Schubert, Wagner ...
Max Reger wurde 1873 in Brand, am Rande des Fichtelgebirges geboren und wuchs in der nahegelegenen Stadt Weiden auf, weil sein Vater dorthin versetzt wurde. Den ersten Unterricht erhielt der kleine Max schon recht früh von seiner Mutter, die ihn im Lesen, Schreiben und Rechnen unterwies, aber auch im Klavierspiel. Der Vater brachte seinem Sohn Orgel-, Violin- und Cellospiel bei.
Nach diesen ersten familiären Unterweisungen folgte eine Ausbildung durch den Lehrer Adalbert Lindner, der auch als Organist der katholischen Kirche wirkte. Die Eltern hatten angedacht, dass ihr Sohn einmal den Beruf eines Lehrers ergreifen würde, aber als der fünfzehnjährige Max im August 1888 von seinem Onkel nach Bayreuth eingeladen wird und dort »Meistersinger« und »Parsifal« erlebte, war er nicht mehr zu halten und wollte unbedingt Musiker werden.
Inzwischen hatte der junge Reger schon große Fortschritte gemacht und konnte seinen Lehrer an der heimischen Kirchenorgel vertreten, auch schwierige Notenzusammenhänge bereiteten ihm kaum Hindernisse. Adalbert Lindner sah die Zeit gekommen, seinen Schüler einer weiterführenden Ausbildung zuzuführen, während die Eltern immer noch einen soliden bürgerlichen Beruf im Auge hatten.
Max Reger hatte ein 120 Seiten umfassendes Streichquartett komponiert, das Lindner an Hugo Riemann sandte, der sofort das förderungswürdige Talent des jungen Reger erkannte.
Erst als einige renommierte Musiker dem Vater mit Nachdruck zurieten, gab dieser endlich nach und den Weg zum Konservatorium in Sondershausen frei, wo Reger bei Riemann mit dem Studium begann und diesem Lehrer dann auch nach Wiesbaden folgte, als Riemann dort zum Konservatorium berufen wurde. Im Rückblick warf Reger seinem Lehrer Riemann, unter dessen dogmatischen und theorielastigen Unterricht er gelitten hatte, musikalische Engstirnigkeit vor, weil er ihm die Musik von Wagner, Liszt und Bruckner vorenthalten hatte.

Als Riemann dann 1895 nach Leipzig ging, befand sich Reger bereits in einer schweren Lebenskrise, die vielfaltiger Natur war. Da war nicht nur unglückliche Liebe im Spiel, sondern auch Alkohol und Schulden, und es war im 80. Infanterieregiment Militärdienst abzuleisten; aber ganz im Gegensatz zum Umfeld der Familie Bagenski, wo Reger Musikunterricht erteilte und fast alle männlichen Familienmitglieder stramme Soldaten waren, erschien der Soldat Reger schon mal falsch umgeschnallt oder hatte andere Schwierigkeiten mit seiner Uniform. Als er einmal bei den Damen Bagenski während einer Arrestzeit musizierte, fielen die aus allen Wolken. Man hatte ihn »Schlamperl« genannt, schließlich war die zukünftige Frau Reger eine Offizierstochter. Aber trotzdem wurde seine außergewöhnliche musikalische Leistungsfähigkeit erkannt und anerkannt.
Regers Eltern waren ob der prekären Situation in Wiesbaden verzweifelt und hatten ihren Sohn schon fast aufgegeben, aber Regers Schwester gelang es, nachdem sie zweimal nach Wiesbaden gereist war, den Bruder im Juni 1898 wieder nach Hause zu holen. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn blieb gespannt, um nicht zu sagen zerrüttet, und beide Eltern hatten ihren Sohn praktisch als Versager abgestempelt. Aber in diesen drei Jahren war der Jungkomponist keineswegs untätig; es entstanden im Weidner Elternhaus viele Orgelwerke, die sogar so viel einbrachten, dass er Schulden begleichen konnte und finanziell nicht mehr von den Eltern abhängig war. Im Sommer 1901 übersiedelte die Familie, dem nachdrücklichen Wunsch des Sohnes entsprechend, nach München. Dazu sei bemerkt, dass Vater Reger von den kleinen Erfolgen seines Sprösslings nicht etwa angetan war, sondern immer noch nichts von den Kompositionen seines Sohnes hielt.
Im April 1902 reiste Elsa Bagenski mit ihrer Pflegeschwester nach München; zu diesem Zeitpunkt hatte sie Max Reger seit zweieinhalb Jahren nicht mehr gesehen. Auf einer Anschlagsäule sahen die beiden die Ankündigung eines Liederabends mit dem Sänger Josef Loritz und Max Reger. Natürlich besuchten die beiden Damen das Konzert und waren auf ihren Plätzen nicht zu übersehen. Elsa Reger sagt, dass dieser Liederabend für ihr Leben bestimmend gewesen sei und
in ihrem Buch kann man lesen: »Regers Eltern schienen sehr zu wünschen, daß ich mich ihrem Sohn zuneige ...«, aber die Sache klingt hier harmloser als sie war. Schließlich war die zukünftige Frau Reger eine geborene Bagenski, geschiedene von Bercken und evangelisch. Die Familie Reger dagegen sehr katholisch, ganz besonders Max Regers Schwester Emma.
Schließlich kam die standesamtliche Trauung 1902, am 25. Oktober, dem Geburtstag der Braut, in München zustande. Den kirchlichen Segen holte man sich einige Wochen später im Dorf Boll (heute Bad Boll) bei Göppingen, also im Württembergischen.
Obwohl das frisch vermählte Paar mit der Schwiegermutter zusammenwohnte, ergaben sich keine großen familiären Komplikationen; vielleicht gab es etwas Unstimmigkeiten, als Reger alle Kritiken, welche die Damen zwischen 1902 und 1907 gesammelt hatten in den Ofen steckte und sagte: »Warum sollen wir uns mit dem Unsinn belasten ...« Dieser Akt soll so rasch über die Bühne gegangen sein, dass den beiden Frauen keine Abwehr möglich war.
Regers beruflicher Neubeginn in München war zunächst erfolgversprechend; so hatte er auch einen gewissen Bekanntheitsgrad als Liedbegleiter erreicht, wobei er bekannte Interpreten-Namen, wie zum Beispiel Josef Loritz durchaus auch als Zugpferde benutzte und Regers Eltern sahen es gerne, wenn der Sohn einen »Aufpasser« zur Seite hatte.


Einen bemerkenswerten Schritt tat Reger, als er 1905 von Felix Mottl als Nachfolger von Rheinberger an die Akademie in München berufen wurde, aber in dieser Position verharrte er nur relativ kurz, weil er mit dem überwiegend konservativen Lehrkörper nicht klar kam.
1907 erhielt Reger die Position des Universitätsmusikdirektors und eine Professur am Königlichen Konservatorium in Leipzig; den Direktorenposten übte er nicht lange aus, aber die Professur hielt er auf Lebenszeit. Wenn man sich durch die Literatur liest tritt ganz klar zutage, dass Reger in allen musikalischen Belangen ein bienenfleißiger Arbeiter war. Auch seine Studenten profitierten von diesem Fleiß und er hatte entsprechenden Zulauf, obwohl er an den Komponisten-Nachwuchs hohe Anforderungen stellte. Insgesamt soll Reger etwa 300 Schüler unterrichtet haben und sein Credo lautete: »Niemals erstarren, immer lebendig bleiben, nicht in Gewohnheiten stumpf werden.«
1911 Übernimmt Reger das Amt des Hofkapellmeisters in Meiningen. Über diese drei Jahre schreibt Elsa Reger: »Das Jahr 1911 war das hochgestimmteste und glücklichste in Regers Leben.« In den Folgejahren lief es dann auch in Meiningen nicht mehr so ganz rund, die Arbeit mit dem Orchester und die außergewöhnlich vielen Reisen hinterließen bei Reger deutliche Spuren.
Max Reger starb in einem Leipziger Hotelbett; sein Freund Straube hatte ihn ins Hotel Hentschel gebracht. Trotz Unwohlsein am Abend hatte der Arzt das Herz in Ordnung gefunden. Als ihn der Arzt am Morgen tot fand brannte noch das Licht, der Tod hatte Reger beim Zeitungslesen überrascht; auf dem Tisch lagen noch die Korrekturbögen der »acht geistlichen Gesänge für gemischten Chor« op. 138.
Und nun begann die lange Reise des toten Reger. Seine Frau begleitete den Sarg zu Einäscherung nach Jena, denn Reger hatte das explizit testamentarisch verfügt, weil er nicht so behandelt werden wollte wie andere Große der Geschichte, die exhumiert wurden.
Eigentlich hatten die Regers schon beizeiten ein Grab im fernen Kolberg an der Ostsee erworben, aber die Witwe wurde von Fritz Stein darauf hingewiesen, dass ihr Max Reger nicht alleine gehöre, sondern ihnen allen.
Zunächst wurde Elsa Reger vom Oberbürgermeister der Stadt Jena gebeten in Jena zu bleiben, denn die Stadt Jena würde es als Ehre empfinden Max Reger ein Ehrengrab zu stiften. Die Trauerfeier fand am 14. Mai statt; die Kapelle war übervoll - Anna Erler sang »Geht nun hin, und grabt mein Grab.« und »Wenn ich einmal soll scheiden.«
Am nächsten Tag teilte die Frau des Oberbürgermeisters dem gerade anwesenden Fritz Stein mit, dass die Stadt doch nicht bereit sei ein Ehrengrab zur Verfügung zu stellen.
Nach einigen Überlegungen nahm man dann die Urne einfach mit nach Hause und verwahrte sie dort in einem eisernen Schrein.
Wegen eines einzurichtenden Reger-Archivs verhandelte die Komponisten-Witwe sowohl mit München als auch Weimar, weil die Stadt Jena kein besonderes Interesse zeigte. Nun wurde also das Reger-Archiv in Weimar konzipiert und die Stadt bot auch ein Ehrengrab, so dass Max Regers Urne dann endlich am 11. Mai 1922 in Weimarer Erde gesenkt wurde. Die musikalische Umrahmung der Feier gestaltete der Theaterchor mit dem Choral: »Wenn ich einmal soll scheiden.«

Elsa Reger beschreibt das so:
»So ruhte nun Regers Asche im historischen Weimar... Den Grabplatz hatten wir uns aussuchen dürfen. Wie im Walde ruht Reger. Der Findling, den ich ihm errichten ließ, war nicht, wioe ich ihn mir erdacht, er hätte wuchtiger sein sollen. Ich bekam damals keinen anderen, ja musste froh sein, diesen erstehen zu können. Nun ist er gehoben durch einen Unterbau und entspricht mehr dem Bild, das ich mir einst machte. Tannen ließ ich an beiden Seiten anpflanzen. Der Hügel ist überwachsen von Epheu aus Phiipp Wolphrums und Senffterts Garten. Auf beiden Seiten auf Beeten blühen im Sommer Blumen. Über der kleinen Ruhebank, versteckt durch einen mächtigen Fichtenbusch, neigt sich eine Trauerrose aus unserem Garten in Jena.«
In Elsa Regers Buch »Mein Leben mit und für Max Reger«, das mit ihrem Umzug nach München endet, steht auf der vorletzten Seite: »Und das Grab? Ich suche meinen großen Gatten nicht im Grabe, mir ist er immer gegenwärtig. Wo ich bin, da ist auch Reger.«


1946 zog Elsa Reger nach Bonn und wählte die Stadt zum Sitz des von ihr am 25.10.1947 gegründeten »Max-Reger-Instituts« und der »Elsa-Reger-Stiftung«.(heute in Karlsruhe ansässig). Am 3. Mai.1951 starb sie in Bonn. Nach ihrem Tod erhielt sie ein Ehrengrab auf dem Alten Friedhof, dort wo unter anderen auch die Mutter Beethovens und die Schumanns in Frieden ruhen.
Und Max Regers Grab? Das findet man heute auf dem Alten Münchner Waldfriedhof, am 11. Mai 1930 kam er dort endlich zur Ruhe.
Vom Haupteingang an der Fürstenrieder Straße geht man etwa 400 Meter den Hauptweg entlang und findet links das imposante Grabmal. Auf dem Bild sieht es etwas schmucklos aus, weil gerade Umpflanzzeit war, ansonsten hat es da auch Blumenschmuck.

  • »PianoForte29« ist männlich

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251

Donnerstag, 19. März 2015, 23:48

Erst einmal besten Dank - im Namen aller Regerianer - an hart für das In-Erinnerung-Rufen des heutigen Geburtstags des wahrscheinlich Letztgeborenen unter den wirklich großen Komponisten (alles, was danach kam wie Rachmaninow, Strawinsky, Prokofjew oder Hindemith, mag bedeutend gewesen sein, aber besaß doch nicht die "klassische" Größe Max Regers, der in diesem Sinn den Endpunkt der klassischen Entwicklung markiert).
Meine Wenigkeit hat einen besonderen Draht zu Reger, seitdem das Max-Reger-Institut Mitte der 1990er Jahre von Bonn nach Karlsruhe umgezogen ist, quasi vor meine Haustür (die erste, provisorische Adresse war tatsächlich wenige Schritte gegenüber meiner wenige Monate zuvor aufgegebenen Wohnung), verstärkt seit Juli 2013, als ich Regers Geburtsort Brand/Opf. aufsuchte und verdutzt feststellen musste, dass der jetzige Besitzer des Geburtshauses die Plaquette von der Straßenseite nach innen hinter den Hauseingang verlegt hat. Im nächsten Jahr, dem großen Reger-Jahr 2016, wird ihm das vermutlich alles nichts nützen - sein berühmter Vorbewohner ist nämlich trotz allem immer noch recht populär, zumal bei Organisten und "Tonalisten".

Meine eigene Reger-Hommage bestand heute darin, dass ich seine Telemann-Variationen, das krönende Klavierwerk, komplett, und zwar mit allen Wiederholungen(!), durchgespielt habe. Es steht leider viel zu selten, man kann fast sagen: nie, auf den Konzertprogrammen, weil die Pianisten es - völlig zu Recht - ob der extrem hohen technischen und artikulatorischen Ansprüche fürchten. 1981 hatte ich das Glück, Peter Serkin in München damit zu hören. Meiner Meinung nach stellt es an Schwierigkeit sowohl Bachs Goldberg-Variationen wie Brahms' Händel-Variationen klar in den Schatten. Nur die Diabelli-Variationen sind teilweise in etwa gleich schwer.

Da wir es beim Thema Gräber mit einem "transzendenten", vordergründig rein religiösen Thema zu tun haben, sei mir der nochmalige mahnende Hinweis gestattet, dass die traditionelle Auffassung, die seit knapp 2000 Jahren von der christlichen Amtskirche vertreten wird, nachweislich - und dies kann man nicht genug betonen - FALSCH ist.
Der Glaube an eine Totenruhe ist vollkommener Humbug! Gräber sind keine "letzte Ruhestätte" von Geist und Seele des Menschen, sondern lediglich das Endlager der sterblichen Überreste. Dieser letztere Begriff, der auch im Umfeld der christlichen Amtskirche benutzt wird, verträgt sich kategorisch nicht mit dem Glauben an eine Totenruhe, was offenbar nur den wenigsten Pastoren aufgefallen ist.
Ich bin, offen gestanden, inzwischen regelrecht allergisch gegen die Verbreitung dieses Irrglaubens, in welcher Form und mit welcher Intention auch immer.
Denn die Welt verfügt im Internetzeitalter über haufenweise glasklare, hundertprozentige Indizien dafür, dass alle Toten in nahtlosem Anschluss an das irdische Leben als Geist(-Seele) fortexistieren. Aber natürlich gehört es nicht zum Gegenstand eines Klassikforums, das im Detail auszudiskutieren, auch wenn dies eine unglaublich heilsame und für uns alle zentrale Botschaft und Erkenntnis ist.
Daher möchte ich mich exemplarisch auf 1 einzigen, den für uns Klassikfreunde relevantesten Beweis, beschränken. Was ich kürzlich angedeutet habe, wird nun präzisiert: Die Geisterstimme keines Geringeren als Frédéric Chopin ist im Internet auf einer absolut seriösen Seite zu hören, mehrere Stunden lang in englischer Sprache, aufgenommen um 1955 und empfangen mithilfe des berühmten englischen Direktmediums Leslie Flint. Wer diese Aufnahmen kennt, sie sämtlich gehört hat und danach immer noch dem offiziellen Irrglauben unserer Kirche anhängt, dem ist weiß Gott nicht zu helfen.
Ich bitte um Nachsicht für dieses Abschweifen auf ein Terrain, auf dem sich viele Menschen sehr unsicher bewegen, aber irgendwann muss in Gottes Namen der Wahrheit schließlich zum Sieg verholfen werden!

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Samstag, 21. März 2015, 17:59

An der Qiuelle saß der Knabe ...

Meine Wenigkeit hat einen besonderen Draht zu Reger, seitdem das Max-Reger-Institut Mitte der 1990er Jahre von Bonn nach Karlsruhe umgezogen ist, quasi vor meine Haustür

Ja wenn Du so gute Möglichkeiten hast, dann könntest Du mal versuchen herauszubekommen, wie dieses wuchtige Grabdenkmal auf den Münchner Waldfriedhof gelangt ist; es scheint 1930 geradezu vom Himmel gefallen zu sein ... ich bin mir noch nicht einmal sicher ob es von dem Bildhauer Josef Weisz / Weiss oder Weiß stammt. Während die ersten Reger-Beisetzungen so reichlich dokumentiert sind, findet man zu dem Akt auf dem Münchner Friedhof überhaupt nichts ... heimlich still und leise? Das ist so seltsam wie die Geisterstimme von Frédéric Chopin ...

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Freitag, 3. April 2015, 11:18

Geburtstag von Hans Löbel - * 3. April 1906 Dresden, † 17.März 1971 Dresden





Am 22.03.1971 erschien in der Zeitung NEUES DEUTSCHLAND unter der Überschrift: »Dresdner Kammersänger Hans Loebel gestorben« die Mitteilung, dass der Sänger wenige Wochen vor Vollendung seines 65. Geburtstages verstorben sei und es wird auf seine künstlerischen Erfolge hingewiesen, die jedoch im Sängerlexikon weit detailreicher dargestellt werden:

Löbel, Hans, Bariton, * 3.4.1906 Dresden, † 17.3.1971 Dresden. Er war Schüler der Orchesterschule der Sächsischen Staatskapelle in Dresden. 1935 wurde er als Chorist an die Dresdner Staatsoper verpflichtet. Dort sang er dann bald kleinere, später große Partien und wirkte u.a. am 4.3.1947 in der szenischen Uraufführung von Boris Blachers Oper »Die Flut« mit. 1943 hatte er einen seiner größten Erfolge in Dresden als Figaro im »Barbier von Sevilla«. In den Jahren 1949-51 gehörte er dem Ensemble des Opernhauses von Leipzig an, kam dann aber wieder an die Dresdner Staatsoper zurück, deren Mitglied er bis zu seinem Tod blieb. Man schätzte ihn als Verdi- Interpreten, aber auch als Konzertsänger.
Schallplatten: Urania (»Der Widerspenstigen Zähmung« von H. Goetz, Faninal im »Rosenkavalier«).

[Nachtrag] Löbel, Hans; er erhielt seine erste Ausbildung am Konservatorium von Dresden und debütierte (als Bassist) 1928 am Opernhaus von Breslau in einer kleinen Rolle im »Waffenschmied« von Lortzing. Er blieb dort aber nur während einer Spielzeit und nahm dann sein Studium wieder auf. 1934-35 war er als Solist am Stadttheater von Stolp in Pommern engagiert, wo er den Johannes im »Evangelimann« von W. Kienzl und verschiedene Operettenpartien übernahm. 1935 kam er als Chorist an die Dresdner Staatsoper, an der er 1943 als Solist, und zwar als Figaro im »Barbier von Sevilla«, debütierte. Gastspiele führten ihn an die Staatsoper wie an die Komische Oper Berlin. 1956 sang er in Dresden in der deutschen Erstaufführung der Oper »Im Sturm« von Chrennikow. Er trat in einem sehr umfangreichen Repertoire auf, wobei man ihn namentlich in Verdi-Partien schätzte. Im einzelnen sang er den Rigoletto, den Amonasro in »Aida«, den Nabucco von Verdi, den Posa in dessen »Don Carlos«, den Renato im »Maskenball«, den Jago im »Othello«, weiter den Jochanaan in »Salome« von R. Strauss, den Faninal im »Rosenkavalier«, den Musiklehrer in »Ariadne auf Naxos«, den Mandryka in »Arabella«, den Heerrufer im »Lohengrin«, den Wolfram im »Tannhäuser«, den Kurwenal im »Tristan«, die Titelrollen in »Fürst Igor« von Borodin und »Schwanda der Dudelsackpfeifer« von J. Weinberger, den Escamillo in »Carmen«, den Janusz in »Halka« von Moniuszko und den König in »Die Kluge« von C. Orff. Er trat oft in Konzerten, vor allem in Oratorien (Bach-Passionen), auf.- Schallplatten: DGG
.
[Lexikon: Löbel, Hans. Kutsch/Riemens: Sängerlexikon, S. 14619 (vgl. Sängerlex. Bd. 6, S. 470) (c) Verlag K.G. Saur]

Praktischer Hinweis:
Sein Grab ist noch auf dem Waldfriedhof Bad Weißer Hirsch, oberhalb von Dresden gelegen, erhalten.
Auf dem Friedhofsplan ist es mit der Nummer 8 eingetragen. Die Orientierung ist einfach:
Man geht vom Eingang kommend geradeaus auf die Kapelle zu und an dieser rechts vorbei. Hinter der Kapelle ist Löbels Grab.
Neben den persönlichen Daten ist auf dem Grabstein noch dieser Text zu lesen:

AUF DASS DIE SEELE
SICH VERSCHÖHNE;
GAB UNS DER HIMMEL
DIE MUSIK

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Samstag, 4. April 2015, 19:15

Friedrich Wieck und seine Tochter Marie Wieck - die immer im Schatten Claras stand


In diesem Grab sind bestattet:
Friedrich Wieck und dessen 2. Ehefrau Clementine
Marie Johanna Wieck, Kammervirtuosin und Professorin für Musik
Cäcilia Wieck, die leibliche Tochter des Tonkünstlers
Alb. Ferd. Wieck, Klavierlehrer

Das Medallion entwarf Theodor Kiez und die beiden runden Teile stammen von dem Bildhauer Ernst Jungbluth.





Wenn das Feuilleton einer Sonntagszeitung mal etwas über Clara und Robert Schumann bringt, dann betritt in aller Regel Friedrich Wieck als Bösewicht die Bühne, als böser Vater, der dem jungen Glück der beiden so lange im Wege stand; ansonsten ist über diesen Mann nicht so arg viel bekannt.

War er nun ein unverträglicher Despot oder ein idealer Musikpädagoge?
Dass er erfolgreich war, ist nicht zu bestreiten. Wo kam er eigentlich her - sowohl geografisch als auch vom gesellschaftlichen Status?

Johann Gottlob Friedrich Wieck wurde am 18. August 1785 als Sohn einer Kaufmannsfamilie in Pretzsch bei Torgau geboren. Das Elternhaus und die soziale Umgebung kann als ärmlich bezeichnet werden, aber der junge Wieck war wissensbegierig und fleißig. Er praktizierte Selbstdisziplin an der eigenen Person und folglich forderte er das auch später als Lehrender von seinen Schülerinnen und Schülern.
Wiecks Mutter war eine Pastorentochter und die Eltern hofften, dass aus ihrem Sohn auch einmal ein Pfarrer werden könnte und sorgten zunächst für eine ordentliche Schulbildung. Als der Vater starb, unterstützte der 19-jährige Theologiestudent von seinem Stipendium sogar noch die Mutter.

Das Elternhaus bot keine musikalischen Anregungen, aber später in Torgau hatte der junge Gymnasiast Wieck Kontakte mit Musikliebhabern und nahm an deren Hauskonzerten teil; zudem hatte er enge Kontakte zum Stadtmusikus und dem Organisten.
In seinen vier Torgauer Jahren erfuhr er allgemein große Unterstützung aus der Bevölkerung, der er im hohen Alter in der Rückschau noch dankbar gedachte.
Ja, er wurde sehr alt, obwohl er in jungen Jahren oft kränklich war, aber auch das bekam er in den Griff, indem er sich gesunde Lebensweise verordnete. Auch in seiner späteren Zeit als Musikpädagoge war er nicht der sture Pauker, sondern achtete sehr auf Erholungszeiten, vor allem an der frischen Luft.
Wohl am entscheidendsten war für Wieck die Unterweisung durch Johann Peter Milchmeyer, ein ganz hervorragender Musikpädagoge, der nach Torgau kam; nach seinen autodidaktischen Musikstudien erlebte er hier erstmals professionellen Unterricht; clever wie Wieck einmal war, schaute er sich hier einiges ab.

Nach der Gymnasialausbildung in Torgau entschied sich Wieck zum Theologiestudium an der Universität Wittenberg. Am Ende kam es zwar zu einer Probepredigt in Dresden, aber der junge Theologe bekam keine Anstellung und war gezwungen, seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer zu verdienen. In verschiedenen Stellungen konnte er in einer Art »learning by doing-Studium« Erfahrungen sammeln, aus denen er später ganz sicher schöpfen konnte.
Aber er hat sich in dieser Zeit auch intensiv mit den unterschiedlichsten pädagogischen Modellen auseinandergesetzt und diese gegebenenfalls modifiziert - also viele Gedanken Pestalozzis, auch ein bisschen Rousseau, aber Einfluss wollte Wieck dann doch auch noch ausüben ...
Wieck war nicht der Klaviervirtuose der unterrichtete, sondern ein Pädagoge, Lehrer und Erzieher, der musikalisch interessierte Schüler das Klavierspiel lehrte.
Im Verlaufe seiner diversen Hauslehrertätigkeiten bei bessergestellten Familien kam er mit höheren Kreisen in Berührung, mit ihren Büchern und Zeitschriften, was für seinen weiteren Lebensweg von einiger Bedeutung war.
1815 begibt sich der immer noch kränkelnde Wieck in Leipzig zu dem homöopathisch arbeitenden Arzt Hahnemann um vor allem seine Gesichtsschmerzen (Trigeminusneuralgie) behandeln zu lassen, aber trotz Krankheit wurde sogar bei Vollmond komponiert und auch einige Stunden Klavierunterricht erteilt, für den es in dieser Zeit erstaunlich viel Bedarf gab.
Eine Komposition von acht Gesängen schickt Wieck sogar an Carl Maria von Weber, der damals schon ein anerkannter Komponist war. Weber schaute wohlwollend drüber, macht aber auf einige Fehler in der Melodie- und Harmonieführung aufmerksam. Möglicherweise war dies ein Grund, dass sich Wieck fortan primär der Klavierpädagogik verschrieb.
Diese Klavierpädagogik erhielt mit der «Methode-Legier« einen gewaltigen Schub, denn nicht nur in Leipzig, sondern auch in anderen Städten sorgte um 1820 der Name Johann Bernhard Logiers für großes Aufsehen mit einer neuartigen Methode zur Erlernung des Klavierspiels; 1813 war er damit erstmals öffentlich in Erscheinung getreten und ließ sein System später dann auch patentieren. Eine solche Entwicklung ging natürlich an Friedrich Wieck nicht vorbei, auch er bediente sich dieser Methode, die er jedoch mit der Zeit abwandelte.
Im Jahre 1816 heiratete Wieck die selbstbewusste Mariane Tromlitz, die Enkeltochter eines bekannten Flötenvirtuosen. Sie übte als Pianistin und Sängerin eine eigene Konzerttätigkeit aus, die sie auch nach ihrer Verheiratung beibehielt. Das Ehepaar Wieck erteilte auch Klavierunterricht, nicht zuletzt auch bei der gemeinsamen Tochter Clara.
Im Mai 1824 trennten sich die Eltern und Mariane Tromlitz ging mit ihrer vierjährigen Tochter Clara und dem im Februar geborenen Sohn Victor zu ihren Eltern nach Plauen. Clara Wieck wohnte bis zum September bei ihrer Mutter, dann nahm Friedrich Wieck seine Tochter wieder mit nach Leipzig. 1825 wurde die Ehe dann geschieden.
Friedrich Wieck war ein umtriebiger Mensch, der geschickt verschiedene Tätigkeiten miteinander verknüpfen konnte; so entwickelte sich auch Wiecks Instrumentenhandel.
Das entscheidende Datum im Leben Friedrich Wiecks war wohl der 19. September 1819, der Geburtstag seiner Tochter Clara. Wenn man mitunter lesen kann, dass Vater Wieck mit seiner Tochter einen »Wunderkind-Status« anstrebte, dann trifft das nicht den Kern der Sache, denn das war Wiecks Intention nicht; dass er auf den pädagogischen Erfolg stolz war, ist eine ganz andere Sache.

Im Juli 1828 feierte Wieck seine zweite Hochzeit, Töchterchen Clara hatte nun eine Stiefmutter und stand nach vierjähriger Ausbildung vor ihrem ersten wirklich großen öffentlichen Auftritt im Gewandhaus; für Wieck war ein wichtiges erstes Ziel erreicht.
Trotz des erfolgreichen Debüts im Gewandhaus gab es auch Missgunst und Neid, Wieck war mit dem Umfeld in Leipzig nicht immer glücklich. Dennoch wuchs mit den Erfolgen der Tochter auch die Popularität des Vaters als Klavierlehrer.
Im März 1830 reiste Clara mit dem Vater für die Dauer eines Monats nach Dresden, um dort zu konzertieren und der Vater berichtete seiner Frau Clementine stolz:
»Claras musikalische Ausbildung (nicht allein als Virtuosin) findet jeder hier für fabelhaft und so will denn jeder ausgezeichnete Spieler dieselbe auch hören und sich von dem nie Gehörten überzeugen. Auch wissen nachher die Leute nicht, was sie mehr bewundern sollen, ob das Kind oder den Vater als Lehrer pp ...«

Friedrich Wieck hatte vermutlich schon eine Neigung zu übertriebener Selbstdarstellung, die nicht überall gut ankam ...
Die Kleine sollte nun auch die französische Sprache erlernen, Wieck nahm zu diesem Zwecke eine Lehrerin aus Dresden in sein Haus auf, er ließ wirklich nichts anbrennen.
Im November 1830 hatte die 12-jährige Clara Wieck ihr erstes eigenes Konzert im Gewandhaus. Nun war die Zeit gekommen, um eine Konzertreise nach Paris vorzubereiten, aber auch in dieser Phase erhöhte der Musikpädagoge die Zahl der Übungsstunden nicht - man spricht von zwei Stunden am Tag - , sondern legte großen Wert auf Betätigung an der frischen Luft.

Am 25. September 1831 war es dann endlich soweit - Vater und Tochter starteten nach Paris, wo sie allerdings erst im Februar 1832 ankamen. Unterwegs gab man in vielen Städten Konzerte und bereits in Weimar spielte Clara dem Herrn Goethe vor, der beeindruckt war. Aber sie gab in der Stadt auch ein öffentliches Konzert und Papa Wieck hielt einige Tage später ein öffentliches Referat über seine Ausbildungsmethode. Während sich Clara auf gekonntes Klavierspiel konzentrierte, war Vater Wieck organisatorisch gestresst; da war der Kartenverkauf, die Konzertanzeigen, das Stimmen des Flügels und jede Menge anderer organisatorischer Arbeiten.
Für beide war es nicht leicht sich mit der französischen Lebensart in gehobenen Kreisen zurechtzufinden und man kann pauschal erwähnen, dass sich Clara in Paris nie so richtig wohlfühlte, sie war ja dann später als allein reisende junge Frau nochmals da.
Clara spielte in vielen Salons, sie waren fast täglich Gäste verschiedener Soireen, wo man auch große Namen traf. Als Clara dann in Paris endlich vor großem Publikum spielen sollte, brach die Cholera aus und das Konzert musste in einen kleineren Saal verlegt werden, der ganz große Auftritt konnte so nicht gelingen; Friedrich Wieck beschloss die Heimreise. Mit reicher Erfahrung im Gepäck traf man zum 1. Mai 1832 wieder in Leipzig ein.

Ein voller Erfolg war 1837 die Konzertreise über Prag nach Wien, wo sich die Begeisterung nach jedem Konzert steigerte. Mit Vaterstolz schickt Wieck seiner Frau die Abschrift einer überschwänglichen Kritik nach Hause. Wieck hatte es endlich geschafft und genoss höchste Anerkennung, weil seine pädagogische Leistung nicht mehr zu bestreiten war.

Inzwischen war Clara aus dem Kindesalter heraus und reiste 1839 mit einer jungen Französin alleine nach Paris und seufzte: »Ach Deutschland könnt ich dich doch erst wiedersehn.«
Aber sie hatte natürlich durch die vielfältige Anerkennung auch einiges Selbstbewusstsein erworben und der junge Robert Schumann wurde für sie eine Person, die den Vater überstrahlte. Bis dahin hatte Wieck fast ausschließlich für die pianistische Karriere seiner Tochter gelebt, hatte durch die Organisation diverser Konzertreisen ein Riesenpensum an Arbeit hinter sich gebracht - und nun war das alles plötzlich gefährdet; er wollte seine Tochter in finanzieller Sicherheit wissen, die ein junger Komponist keineswegs bieten konnte.
Zunächst versucht Wieck seine Tochter vor Robert in der Nähe von Dresden zu verstecken, aber die liebende Jugend obsiegt und erstreitet vor Gericht die Eheschließung, im September 1840 ist Hochzeit.
Wieck ist verbittert und verlässt Leipzig, denn durch den Prozess ist sein Ansehen erheblich beschädigt worden. Schon länger entwickelte er Gedanken nach Dresden zu gehen, wo er allerdings eine andere musikalische Struktur findet. Durch frühere musikalische Besuche in der Stadt sind schon einige Kontakte vorhanden, die Wieck nun kontinuierlich ausbaut. Er bekommt Zugang zu wichtigen Adels- und Bürgerhäusern, wo er auch potenzielle Klavierschüler findet; der Instrumentenhandel ist in Dresden kein Thema mehr.

Friedrich Wieck und Clara Wieck, die spätere Frau Dr. Schumann, dominieren das Familienbild der Wiecks so sehr, dass für Marie Wieck, die zweite musikbegabte Tochter aus der zweiten Ehe, kaum Raum bleibt. Marie Wieck arbeitete mit ihrem Vater über einen Zeitraum von mehr als dreißig Jahren sehr eng zusammen, so dass sie eigentlich mit Wiecks Unterrichtsmethoden noch vertrauter war als ihre Halbschwester Clara. Marie war nicht genial veranlagt, aber der Vater brachte sie aufs Podium; ihr kamen die pädagogischen Erfahrungen, die der Vater bei der Ausbildung von Clara gewonnen hatte zugute. Und wie beurteilte Halbschwester Clara Maries Klavierkünste?
»Sie spielt gut, aber nicht ausgezeichnet« Zu einem ganz anderen Urteil gelangt die amerikanische Pianistin Amy Fay, wenn sie über Marie Wieck sagt: »Aber sie spielt herrlich, und ihr Anschlag ist köstlich. Wenn man sie gehört hat, ist man nicht mehr überrascht, daß die Wieck´s denken, es könne außer ihnen niemand Anschlag lehren.«

Marie Wieck wurde 1832 in Leipzig geboren. Der Vater war zu dieser Zeit häufig abwesend und das Hauptinteresse galt der konzertierenden Clara. Aber in diesem Hause ist es natürlich, dass auch Marie bereits mit fünf Jahren begann das Klavierspiel zu erlernen. Erst nach Wiecks Umzug nach Dresden konnte ihr der Vater mehr Aufmerksamkeit schenken, aber das neunjährige Mädchen war weit hinter dem zurück, was Clara in diesem Alter schon geleistet hatte. Auch war ihre große Schüchternheit und Ängstlichkeit öffentlichen Auftritten nicht gerade zuträglich. Dennoch debütierte Marie Wieck im November 1843 dann erfolgreich in Dresden. In einem Konzert von Clara Schumann spielte sie gemeinsam mit ihrer Schwester vierhändig den ersten und zweiten Satz aus der Sonate op. 47 in Es-Dur von Moscheles.
Auch Marie Wieck unternahm im Anschluss daran kleinere Konzertreisen mit ihrem Vater und feierte im Gewandhaus Erfolge. In ihrer Pianisten-Karriere bereiste sie viele Länder Europas und trat auch als Sängerin auf. Zusammen mit ihrem Bruder Alwin setzte sie sich sehr für die Verbreitung der Unterrichtspraxis von Friedrich Wieck ein.
Marie Wieck starb nach einer großen Karriere hochbetagt und erblindet am 22. November 1916 in Dresden. Am 15. Januar 1916 hatte sie ihren letzten Auftritt im Palmengarten in Dresden.

Und was wurde aus den zerstrittenen Parteien Wieck-Schumann?
In Wiecks Dresdner Anfangsjahren war das Verhältnis zu den jungen Schumanns total in die Brüche gegangen, aber 1843 bahnte sich eine Aussöhnung an. Friedrich Wieck tat den ersten Schritt, er schrieb an Clara einen Brief mit der Bitte um Versöhnung und die Tochter reist am 11. Februar nach Dresden und schildert die Begegnung so:
»Die ganzen Tage vergingen übrigens sehr unruhevoll; der Vater immer mit Schülerinnen beschäftigt, vor Allen mit Marie, ein liebes, interessantes Kind, und Alwin, der ein ganz tüchtiger Mensch zu werden scheint. Der Vater war, wie es sich wohl denken ließ, überaus freundlich und liebevoll gegen mich - dem Himmel sey Dank, daß es so gekommen.«

Man feierte ein harmonisches gemeinsames Weihnachtsfest, aber insbesondere zwischen den beiden Männern konnte sich kein herzliches Verhältnis mehr entwickeln. Mit Schumanns Umzug nach Düsseldorf war auch die geografische Entfernung wieder größer geworden.

Im Jahr 1873 verstarb Friedrich Wieck in Loschwitz bei Dresden. Clara Schumann war ihrem Vater zeitlebens sehr dankbar für das, was dieser für sie getan hatte und nahm ihn gegen ungerechte Kritik in Schutz. Nach seinem Tod schrieb sie in ihr Tagebuch:
»Seine Natur hatte etwas Großartiges, von Kleinlichkeit wußte er nichts; wo er nützen konnte, war er stets bereit; mehr als das, er suchte die Gelegenheiten dazu, er interessirte sich aufs lebhafteste, wo er Talent zu finden glaubte und frug dann nie, ob er Lob und Dank haben würde.«

Praktischer Hinweis:
Das Grab befindet sich auf dem Trinitatisfriedhof in Dresden-Johannstadt
Den besten Zugang zur Grabstelle der Familie Wieck findet der Besucher an der Fiedlerstraße; man benutzt den Eingang 2, wo man sich rechts orientiert. Das Gräberfeld hat die Bezeichnung IVS, im Friedhofsplan findet man das Grab unter der Nr. 30.

hart

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255

Donnerstag, 9. April 2015, 11:01

Geburtstag - Julius Patzak (Tenor), * 9. April 1898 Wien, † 26. Januar 1974 Rottach-Egern





Es war von der musikalischen Ausbildung her ursprünglich nicht vorgesehen, dass aus Patzak ein Sänger wird, er hatte vielmehr die Absicht Dirigent zu werden, und es ist nicht nur bei dieser Absicht geblieben.
Julius Patzak war zwar auch als Kapellmeister tätig, ist jedoch primär als Sänger bekannt geworden. Zunächst studierte er in Wien Kompositionslehre und Kontrapunkt und war dann als Kirchenmusiker tätig.
Als Sänger war Patzak Autodidakt. Im Jahre 1926 gab der Wiener Schubertbund, dem Patzak damals schon seit längerer Zeit angehörte, ein Konzert, in dem man dem Amateursänger eine größere solistische Aufgabe anvertraute.
Für Patzak wurde das ein großer Erfolg, über den die Zeitungen berichteten, man sprach von einer bedeutenden Sängerentdeckung. Auch Karl Franz Rankl, der Dirigent und Direktor des Stadttheaters in Reichenberg (Böhmen), hatte das in der Zeitung gelesen und Julius Patzak daraufhin einen Vertrag angeboten.

Sein Operndebüt gab er am am 3. April 1926 als »Radames« in Verdis »Aida« am Stadttheater Reichenberg. Über ein Engagement in Brünn ging es dann 1928 zur Staatsoper nach München, deren Mitglied er bis 1947 blieb.
Insbesondere bei den Münchner Festspielen der 1930er Jahre ist er als exzellenter Mozartsänger hervorgetreten, aber auch in Uraufführungen zeitgenössischer Komponisten, wie Pfitzner, Strauss und Orff.
In seiner Münchner Zeit gastierte Patzak an der Mailänder Scala, in Kopenhagen, Budapest, Zürich, Prag, Antwerpen, Amsterdam ...
Ab 1946 ist der Sänger fest an der Wiener Staatsoper, deren Gebäude damals noch zerstört war, engagiert, hat aber schon viel früher dort gesungen, zum Beispiel 1928 den »Radames«.
Den »Florestan« in Beethovens »Fidelio« hatte Patzak über die Jahre - von 1934-1959 - sehr oft gesungen, und an diesem Beispiel lässt sich die Lebensleistung Patzaks gut deutlich machen, wenn man betrachtet, welche Damen (Leonore) seine Partnerinnen waren:
Seine erste »Leonore« war 1934 Lotte Lehmann, dann in den häufigsten Aufführungen von »Fidelio« mit den Schwestern Hilde und Anny Konetzni, aber auch mit Maria Reining, Christel Goltz, Birgit Nilsson, Helene Werth - und die letzte «Leonore« war schließlich 1959 Martha Mödl.
Diese Aufzählung macht in etwa sichtbar, in welchem ersprießlichen Umfeld Julius Patzak in dieser Zeitspanne sang; alleine an der Wiener Staatsoper waren das fast 350 Abende, davon besonders oft den »Tamino« in der »Zauberflöte« und den »Hoffmann« in »Les Contes d'Hoffmann«. Eine andere Glanzrolle bot er in Pfitzners »Palestrina«.
Auch bei den Salzburger Festspielen war Julius Patzak häufig zu Gast, in den 1960er Jahren sogar in der Sprechrolle von »Jedermann«. 1960 nahm er seinen Abschied von der Staatsoper und widmete sich von 1962-1966 am Mozarteum Salzburg pädagogischen Aufgaben.
Als Lied- und Oratoriensänger hat sich Patzak ebenfalls einen Namen gemacht, er gab immerhin um die tausend Liederabende; seine schlichte Einspielung der Winterreise - 1964 im Palais Schönburg zu Wien, mit dem jungen Jörg Demus - ist Liedfreunden ein Begriff, mit 66 Jahren war der Sänger zwar nicht mehr auf der Höhe seiner Stimmkraft, aber derer bedarf es bei einer solch sensiblen Aufnahme auch nicht. Legendär auch eine frühere Aufnahme von Mahlers »Lied von der Erde« mit der schon sterbenskranken Kathleen Ferrier, das war im Mai 1952 unter Bruno Walter in Wien.
Bei all dem muss aber darauf hingewiesen werden, dass sich Patzak auch der Operette nicht verschloss, die damals noch einen höheren Stellenwert hatte als heute. Auch seine Wiener Lieder sind erwähnenswert, insbesondere weil sie von ihm in keiner Weise verkitscht dargeboten wurden.
Nach Abschluss seiner Karriere lebte Patzak in Rottach-Egern am Tegernsee, hatte also den gleichen Altersruhesitz gewählt, wie vordem sein Kollege Leo Slezak.

Praktischer Hinweis:
Julius Patzak ist auf dem Münchner Waldfriedhof (alter Teil) bestattet. Im gleichen Grab die bereits 1930 verstorbene Sängerin Hedy Patzak-Steiner. Das Grab ist etwa 700 Meter vom Haupteingang entfernt, auf dem zur Verfügung stehenden Friedhofsplan orientiert man sich an der Nr. 70.

Rheingold1876

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Freitag, 10. April 2015, 00:55

Nun bin ich in Gedanken an das Grab von Patzak gegangen. Und ich hoffe, bald leibhaftig dort stehen zu können. Den Weg kenne ich ja nun. Wie immer Dank für Deine eindringlichen Beschreibungen und Informationen, lieber hart. Julius Patzak gehört zu meinen musikalischen Grunderlebnissen und Grunderfahrungen. Unser Forumsmitglied Ja Gioconda fügt jeder ihrer Wortmeldungen einen Wahlspruch von Patzak an, der sich mir sehr eingeprägt hat: "Stimm´ brauchst kane, SINGEN muasst können!" So hat er selbst die trefflichste Deutung seiner Kunst gleich mitgeliefert. Früher konnte ich mit Patzak nicht so viel anfangen, bis ich den Sinn dieser Selbstreflektion begriff - noch bevor ich sie überhaupt kannte. Zu Ostern bin ich wieder auf Patzak gekommen als ich die "Johannespassion" von 1955 aus Wien unter Fritz Lehmann hörte. Patzak ist der Evangelist. Mein Gott, wie singt er das. Mir scheint, bei ihm ist am Anfang das Wort - und nicht die Tat. Du hast sein Wirken bei den Salzburger Festspielen herausgestellt. Die Sprechrolle im "Jedermann" ist mir neu. Ich möchte auf Martins "Zaubertrank" und Einems "Dantons Tod" verweisen. Beider Werke stehen für sein Engagement für neue Musik, die für mich durch ihn und seinem Vortragsstil sehr anhörbar wird. Ich bin froh, dass Du auch die Operette als Teil seines Wirkens erwähntest. Es gibt diesen hinreißenden späteren Querschnitt durch den "Vogelhändler" von Zeller mit den Wiener Symphonikern unter Rudolf Moralt. Wer etwas über die Möglichkeiten der menschlichen Stimme in Erfahrung bringen möchte, der soll sich das Auftrittslied des Adam anhören: "Grüß euch Gott, alle miteinander!" Dieser Tage wird im Forum teilweise heftig diskutiert über die "Winterreise" von Schubert. Ich habe da etwas mitgelesen und mich danach mit der Aufnahme des alternden Patzak in mein Fauteuil zurückgezogen.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

hart

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Montag, 20. April 2015, 10:52

Geburtstag - Josef Herrmann - * 20. April 1903 in Darmstadt; † 19. November 1955 in Hildesheim





Der heutige Geburtstag von Josef Herrmann bietet sich für einen Grabbesuch an, denn er gehört zu den großen deutschen Sängerpersönlichkeiten, die nicht vergessen werden sollten.
In Dresden-Loschwitz/Wachwitz gibt es eine Josef-Herrmann-Straße und in dieser Gegend wohnen und wohnten eine größere Anzahl von Sängerinnen und Sängern; das ist schon eine beachtenswerte Situation, wie man sie selten findet und sollte zumindest einmal in diesem Zusammenhang erwähnt werden:
Theo Adam, Olaf Bär, Gunther Emmerlich, Ilse Ludwig, Brigitte Pfretzschner, Peter Schreier, Mathieu Ahlersmeyer, Eugen Degele, Adolf und Erst Clemens Dressler, Anton Erl, Brünhild Friedland, Ruth Glowa, Günther Leib, Hans Löbel, Tino Pattiera, Elisabeth Reichelt, Martha Rohs, Arno Schellenberg, Elisa Stünzner ...
Wer sich etwas mit Gesang befasst, wird hier eine Menge klangvolle Namen sehen, die sich in den LP/CD-Sammlungen vieler Taminos finden.

Nicht allzu weit entfernt vom Waldfriedhof Bad Weißer Hirsch befand sich nach 1945, in Bühlau, einer der wenigen erhaltenen Konzertsäle Dresdens, im ehemaligen Kurzentrum. Christel Goltz schildert die Situation, wie sie mit Kollegen im Herbst 1945 in das zerstörte Dresden zurückkam:
»Aber hier war keine Oper mehr. So sind wir in eine Vorstadt gezogen, nach Bühlau, wo der Kursaal noch existierte: ein altes Gebäude mit einer Konzertmuschel. Dort haben wir begonnen, Konzerte und konzertante Opern zu geben, mit aller Hingabe, deren wir fähig waren, die wenigen, die noch da warten, wie Elfriede Trötschel, Josef Herrmann, Robert Burg, Bernd Aldenhoff.«

Diese Sängergeneration konnte sich nicht so entfalten, wie das heute selbstverständlich ist; da war einmal dieser unselige Weltkrieg und nach dessen Ende dann das Gezänk zwischen Ost- und Westdeutschland, was insbesondere die Künstler betraf, die sich vordem in Berlin und Dresden ein Renommee erarbeitet hatten. In einem Zeitungsartikel taucht hier auch diese Problematik bei Josef Herrmann auf - Zitat:
»Der Heldenbariton Josef Herrmann scheidet in Freundschaft aus dem Verbände der West-Berliner Oper aus. Er sieht keine andere Möglichkeit, sein Besitztum in Dresden und seine dort lebenden Familienmitglieder zu unterhalten, wenn er nicht Ost-Mark verdiene. Aus dem Verbot des wechselweisen Auftretens hat er nun seine Konsequenzen gezogen.«

Gesangsfreunde werden im November 1955 im NEUEN DEUTSCHLAND diese Nachricht mit Entsetzen gelesen haben:
»Die Stimme, die in der ganzen Welt Berühmtheit besitzt, ist verstummt. Nationalpreisträger Kammersänger Josef Herrmann ist, auf der Höhe seiner Laufbahn, unerwartet gestorben. Ein kurzer Erholungsurlaub sollte den Heldenbariton der Deutschen Staatsoper nach dem Süden führen; unterwegs in Hildesheim ist er, erst 52-jährig einem Herzschlag erlegen ...«
Eine meiner Quellen sagt, dass der Sänger ein Herzleiden kurieren wollte und deshalb eine Erholungsreise nach Italien unternahm, wo er unterwegs in Hildesheim beim Besuch »der Gräber seiner Eltern« starb.

Das war eine typische Sängerkarriere dieser Epoche; man erlernte einen »ordentlichen« und sicheren Beruf und wurde dann als Sänger für die große Oper entdeckt und gefördert, spontan fallen einem dazu Namen wie Karl Erb, Franz Völker, Heinrich Schlusnus etc. ein.
Der Vater von Josef Herrmann war Lokomotivführer bei der Großherzoglichen Hessischen Eisenbahn und Sohn Josef erlernte im Lokomotiv-Ausbesserungswerk das Schlosserhandwerk.
Singen gehörte auch für Josef Herrmann von Kindesbeinen an zum festen Bestandteil des Lebens. Schon in jungen Jahren hatte er dann solistische Aufgaben bei Veranstaltungen der Darmstädter Vereine übernommen. Sein Entdecker war kein Geringerer als der Großherzog von Hessen-Darmstadt, der bei einem Auftritt eines Gesangsvereins auf Josef Herrmann aufmerksam geworden war und ihm ein Stipendium gewährte. Seine Ausbilder in Gesang und Schauspiel waren Professor Carl Beines und Hofrat Paul Ottenheimer. Am Staatstheater Darmstadt sah man den jungen Herrmann während seiner Studienzeit als Statist und Bühnenarbeiter.

Seine Sänger-Karriere begann 1928 am Landestheater Darmstadt, wo er bis 1931 blieb, um dann nach Kaiserslautern zu wechseln. Weitere Stationen waren Stettin, Königsberg und Nürnberg.
1939 erfolgte ein Engagement an die Staatsoper Dresden. Von 1943-44 hörte man ihn auf den Bühnen von Dresden und Wien, wo er an der Staatsoper sang. Bei den Festspielen in der Waldoper von Zoppot trat er als Wagner-Sänger hervor.

Detailliert stellt das Sängerlexikon den weiteren Verlauf seines Wirkens so dar:
» Er blieb bis 1950 an der Dresdner Oper tätig und war 1948-55 zugleich Mitglied der Städtischen Oper Berlin. Seit 1955 gehörte er bis zu seinem Tod der Berliner Staatsoper an. Er sang hier u.a. bei der Wiedereröffnung von deren Haus am 4.9.1955 den Hans Sachs in den »Meistersingern«. Gastspiele an der Mailänder Scala (1939 und 1942 als Kurwenal im »Tristan«, 1950 als Wanderer und als Gunther im Nibelungenring unter W. Furtwängler, 1952 als Hans Sachs), am Théâtre de la Monnaie Brüssel (1939), beim Maggio musicale Florenz (1938 als Wotan in der »Walküre«, 1939 als Fliegender Holländer, 1941 als Kurwenal), an der Grand Opéra Paris (1952 als Jochanaan in »Salome«), an der Oper von Monte Carlo (1953 aks Kaspar im »Freischütz«), an der Oper von Rom (1953 als Wotan, als Wanderer und als Gunther im Ring-Zyklus, 1954 als Fliegender Holländer), am Teatro Comunale Bologna (1953 als Kurwenal), am Teatro San Carlo Neapel und am Teatro Colón von Buenos Aires (1950) ließen in ihm einen der großen Wagner-Sänger seiner Zeit erkennen. 1951-52 bestand ein Gastengagement an der Staatsoper von München; 1948 wirkte er an der Städtischen Oper Berlin in der Uraufführung der Oper »Circe« von W. Egk mit; 1948 sang er an der Komischen Oper Berlin den König in »Die Kluge« von Carl Orff und trat seitdem auch dort häufig auf. 1951 gastierte er an der Wiener Staatsoper als Titelheld lm »Wozzeck« von A. Berg mit Christel Goltz als Partnerin und sang diese Partie dann auch bei den Salzburger Festspielen des Jahres 1951. Von den vielen Partien, die er auf der Bühne übernahm, sind noch der Sprecher in der »Zauberflöte«, der Pizarro im »Fidelio«, der Hans Heiling in der gleichnamigen Oper von H. Marschner, der Sebastiano in »Tiefland« von d'Albert, der Orest in »Elektra« von R. Strauss, der Barak in der »Frau ohne Schatten«, der Faninal im »Rosenkavalier«, der Escamillo in »Carmen«, der Rigoletto, der Amonasro in »Aida«, der Großinquisitor in Verdis »Don Carlos«, der Jago in dessen »Othello«, der Tonio im »Bajazzo«, der Scarpia in »Tosca« und der Boris Godunow zu nennen. Er war verheiratet mit der Sopranistin Margarethe Düren (* 1904), die ebenfalls in Dresden engagiert war und bis in ihr hohes Alter als Souffleuse am Kölner Opernhaus wirkte.
Er starb plötzlich am Tag nach einer Aufführung von Carl Orffs »Die Kluge«, in der er den König, ebenfalls eine seiner großen Partien, gesungen hatte. Er fand seine letzte Ruhestätte in Dresden.

Schallplattenaufnahmen auf HMV, Urania (»Der Corregidor« von Hugo Wolf) DGG, Bruno Walter Society (Gunther und Wanderer im vollständigen Nibelungenring). Auf HMV-Electrola kamen fünf Duette zusammen mit seiner Gattin Margarethe Düren heraus. Unter dem Etikett von Preiser erschien er in einer vollständigen Aufnahme von Verdis »Luisa Miller« von 1943. Auf Koch Records wurden Aufnahmen von Opern-Ausschnitten aus der Wiener Oper (als Hans Sachs und als Barak in der »Frau ohne Schatten«) veröffentlicht.
[Lexikon: Herrmann, Josef. Kutsch/Riemens: Sängerlexikon, S. 10720 (vgl. Sängerlex. Bd. 2, S. 1575) (c) Verlag K.G. Saur]

Praktischer Hinweis:
Der Waldfriedhof Dresden Bad Weißer Hirsch hat die Anschrift: Am Heiderand 8 - 10
Im Eingangsbereich findet man einen Plan, der das Grab mit der Nummer 31 bezeichnet.
Wenn man sich - vom Eingang kommend - an der rechten Geländegrenze orientiert und den leicht ansteigenden Weg benutzt, steht man schon bald an diesem Grab und sieht, wie Moosgeflechte langsam von Stein und Buchstaben Besitz ergreifen; der Vorname des Sängers ist längst nicht mehr vollständig erhalten; das Ganze ein Symbol der Vergänglichkeit.

hart

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258

Samstag, 25. April 2015, 21:21

Arno Schellenberg - * 16. November 1903 in Berlin; † 20. März 1983 in Dresden



Herbert Henn schrieb hier im Forum am 21. Februar 2013:
» Arno Schellenberg war, für mich, der bedeutendste Interpret der Lieder und Balladen von Carl Loewe. Er hatte eine ideale Gesangstechnik, den großen Umfang, die Leichtigkeit der Stimmführung und eine überragende Ausdruckskraft, die besonders die heiteren Lieder und Balladen zum Erlebnis machen.«

Mein erstes Erlebnis mit Arno Schellenberg war vor vielen Jahrzehnten das Hören der Ballade »Der Blumen Rache« nach einem Gedicht von Ferdinand Freiligrath und von Carl Loewe vertont. In epischer Breite zählt der Sänger eine Menge giftiger Blumen auf, die am Ende das Mädchen zu Tode bringen.

Neben zahlreichen Opernaufnahmen auf verschiedenen Platten, findet man in der Raucheisen-Lieder-Edition 33 Stücke mit der Stimme von Arno Schellenberg.
Von Carl Loewe singt er:
Tom der Reimer / Der verliebte Maikäfer / Der Kuckuck / Die Katzenkönigin / Der Bär / Der Totentanz / Der Blumen Rache.
Von Heinrich Marschner:
Der betrogene Teufel / Bauernregel / Der treue Ritter
Von Hugo Wolf:
Treibe nur mit Lieben Spott / Gutmann und Gutweib / Epiphanias / Der Schäfer / Zur Warnung
Von Richard Strauss:
Für fünfzehn Pfennige / Von den sieben Zechbrüdern
Von Hans Pfitzner:
Sehnsucht / Michaels Kirchplatz / Schön Suschen
Von Ludwig van Beethoven:
Der Scheidekuss von deinem Mund / Der Abend / Des Schäfers Lied / Der Floh / Auf, ihr Herr´n und schmucken Frau´n / Der Scheidekuss / Kommt, schließt mir einen frohen Kreis / Morgen für Grillen / Opferlied / Marmotte

Dazu kommen noch drei Lieder, die Schellenberg gemeinsam mit dem Tenor Lorenz Fehenberger singt:
Der Traum, aus 26 Walisische Lieder, Nr. 14
Wie soll ich dorthin, aus 25 Irische Lieder, Nr. 6
Liebe und Glück fahrt hin, aus 25 Irische Lieder, Nr. 20

Arno Schellenberg begann sein Gesangsstudium 1926 an der Berliner Musikhochschule und debütierte 1929 am Opernhaus Düsseldorf in »Schwanda der Dudelsackpfeifer«; danach wechselte er nach Köln und zog weiter nach Königsberg.
1932 wurde er dann von Fritz Busch an die renommierte Staatsoper von Dresden berufen, deren Mitglied er bis 1969 blieb. Hier sang er in den Uraufführungen der Strauss -Opern »Arabella« (1933) und »Daphne« (1938). Aber Gastspiele brachten den Sänger auch nach Paris, London, Wien, Rom, Florenz, Lissabon, Amsterdam, Helsinki, Oslo ...

Natürlich war auch diese Sängerkarriere durch Kriegseinwirkungen in ihrer Entwicklung stark eingeschränkt. So musste die Oper in Dresden zum Beispiel durch das Verbot der sowjetischen Militäradministration vom Kriegsende an vier Jahre lang auf Wagner- Opern verzichten. Erst am 24. April 1949 hob sich dann der Vorhang für einen legendären »Tannhäuser«. Die Sänger waren damals:
Bernd Aldenhoff (Tannhäuser), Christel Goltz (Elisabeth), Arno Schellenberg (Wolfram), Inge Karén (Venus) und Kurt Böhme, um einige der Hauptrollen zu nennen.

1950 erhielt Schellenberg eine Professur an der Musikhochschule Berlin, war aber auch noch auf der Bühne aktiv. Im »Norderneyer Badekurier« findet man zum Beispiel im August 1950 noch eine Ankündigung eines Lieder- und Arienabends mit dem lyrischen Bariton der Oper Berlin und Dresden. Aber er wirkte auch noch in bedeutenden Musikzentren, wie den Salzburger Festspielen mit; das war 1953. In späteren Jahren leitete er Fortbildungskurse am Mozarteum in Salzburg und war Professor an der Musikhochschule Dresden. Sein wohl prominentester Schüler dürfte der Wagner-Tenor Reiner Goldberg sein.

Außer den Tonträgern erinnert heute noch - seit 1999 - eine Arno-Schellenberg-Straße in Dresden-Nickern an den Sänger, und am »Weißen Hirsch« ein um 1900 errichtetes Villengebäude, das sowohl unter dem Namen »Villa Turmeck« als auch »Villa Schellenberg« bekannt ist. Seit 1938 befand sich das Haus im Besitz der Familie Behrens, deren Tochter die Ehefrau von Arno Schellenberg war. Renate Behrens war ebenfalls Opernsängerin.
Erst seit kurzer Zeit ist die »Villa Schellenberg«, die jahrelang scheinbar dem Verfall preisgegeben war, wieder vorbildlich restauriert.

Praktischer Hinweis:
Der Waldfriedhof Dresden Bad Weißer Hirsch hat die Anschrift: Am Heiderand 8 - 10
Das Grab von Renate und Arno Schellenberg befindet sich vom Eingang aus gesehen etwa halbrechts in der Nähe der dem Eingang gegenüberliegenden Begrenzungsmauer und hat auf dem Friedhofsplan die Nr. 26

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Samstag, 25. April 2015, 22:51

So musste die Oper in Dresden zum Beispiel durch das Verbot der sowjetischen Militäradministration vom Kriegsende an vier Jahre lang auf Wagner- Opern verzichten. Erst am 24. April 1949 hob sich dann der Vorhang für einen legendären »Tannhäuser«.


Das lese ich so sehr oft. Es ist mir aber etwas zu einfach, und ich bezweifele den historischen Gehalt dieser Darstellung. Es gab 1945 nach Ende des Krieges faktisch keine Dresdener Oper mehr. Alles war auf einen Schlag zerstört - das große Haus, die Kulissen, die Kostüme, der Fundus, Instrumente, das gesamte Notenmaterial. Das ehemalige Ensemble war trotz einige bedeutender Sänger faktisch nicht mehr vorhanden, Orchester und Chor angesichts der vielen Kriegstoten zusammengeschrumpft. Als Ausweichspielstätten standen die räumlich sehr beschränkte Tonhalle und das auswärts gelegene Kurhaus Bühlau zur Verfügung. Wie und wo also Wagneropern aufführen? Das Bestreben war zunächst, auch jene Komponisten wieder die verlorene Ehre zurückzugeben, die die Nationalsozialisten ihnen genommen hatte. Die Tonhalle wurde mit einer sehr schlichten Aufführung von Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" als Opernspielstätte eröffnet. Das Entnazifizierungsverfahren um Winifred Wagner, dass damals ein kulturpolitisches Thema im noch nicht geteilten Deutschland gewesen ist, bot in der Tat wenig Anlass, sofort mit der Wagnerpflege neu zu beginnen. Ich kann nachvollziehen, dass es - gerade im zerstörten Dresden - andere Sorgen gab. Die sowjetische Militäradministration hat zwar sofort Schritte zur Wiederbelebung des Kulturbetriebes eingeleitet, sich aber nicht für Wagner eingesetzt. Ein Verbot seiner Werke wird zwar immer wieder kolportiert. Einen entsprechende, eindeutigen Befehl habe ich noch nirgends gesehen. Als erste Wagner-Oper nach dem Krieg in Deutschland wurde der "Fliegende Holländer" 1946 in Wuppertal und in Chemnitz gegeben. Chemnitz gehörte wie Dresden zu Sachsen, stand also auch unter sowjetischer Besatzungsmacht. Bevor am 24. April 1949 der erwähnte "Tannhäuser" im als Opernhaus hergerichteten Großen Schauspielhaus endlich über die Bühne ging, gab es auf dem Gebiet der späteren DDR neue Wagner-Neuinszenierungen - oder was man dafür hielt - in dieser Reihenfolge in Schwerin, Rostock, Görlitz, erneut in Chemnitz (diesmal "Tristan" unter Kempe), Leipzig, Ost-Berlin, Erfurt, wieder Ost-Berlin ("Tristan" unter Furtwängler in der Inszenierung von Frida Leider), Halle, Chemnitz, Weimar, Gera, Leipzig, Görlitz, Stralsund, Chemnitz, Altenburg, Cottbus, Meiningen, Zittau, Quedlinburg, Ost-Berlin, Weimar, Schwerin, Zwickau, Rostock. Manche Städte tauchen in dieser Statistik (Quelle ist das Buch "Richard Wagner in der DDR - Versuch einer Bilanz von Werner P. Seiferth, Sax-Verlag 2012) gleich mehrfach mit tatsächlich verschiedenen Werken auf. Warum sollte also Wagner in Dresden verboten gewesen sein, während andere Städte, die ebenfalls unter sowjetischem Befehl standen, freie Hand hatten und ihn reichlich aufführten?

Meine Anmerkungen sollen den sehr schönen Betrag von hart nicht in Misskredit bringen. Der Sänger, um den es hier geht, nimmt dadurch keinen Schaden. Gewiss war seine Karriere durch den Krieg eingeschränkt. Dieses Schicksal teilte er aber mit einer ganzen Generation. Zum Glück hatte er überlebt, was nicht genug herausgestellt werden kann und ein Thema für sich wäre. In Dresden - das geht aus den den Jahrbüchern der Staatstheater hervor, die eine Fundgrube für Operngeschichte sind - wurden Schellenberg gleich nach 1945 aber noch viele interessante Aufgaben übertragen, auch in Operetten wie der "Fledermaus" und in Konzerten.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

hart

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260

Sonntag, 26. April 2015, 12:33

Dowjerjaj, no prowjerjaj: »Vertraue, aber prüfe nach.«

Meine Anmerkungen sollen den sehr schönen Betrag von hart nicht in Misskredit bringen.

Lieber Rheingold,
Man sollte praktisch alles kritisch hinterfragen, wenn man bei Ereignissen nicht selbst vor Ort war. In der Tat ist es möglich, dass nicht den Tatsachen entsprechende Berichte auf diese Weise eine weite Verbreitung finden. Die Lortzing-Gedenktafel in Leipzig war so ein Fall. Die Daten auf dem Grabstein von Henny Wolff stimmen nicht und Carl Maria von Weber gab sein Geburtsdatum falsch an ...
Ich bezog mich auf einen seriös wirkenden Beitrag »Musik in Dresden«, wo die Nachkriegssituation in München mit der in Dresden verglichen wurde und wo es - bezogen auf München - heißt:
»Berührungsängste gegenüber dem von der Nazi-Ideologie vereinnahmten Wagner gab es seitens der Besatzungsmacht nicht; wenn nur die Hauptprotagonisten der Aufführungen „unbelastete“ waren!
Anders in Dresden, das länger unter Wagner-Entzug darben musste. Die sowjetische Militäradministration verbot Wagner-Aufführungen nach Kriegsende über vier für Wagnerianer lange Jahre. Erst am 24. April 1949 durfte sich der Vorhang erstmals wieder für eine Wagner-Oper heben. Auf die Bühne des wiederaufgebauten Großen Hauses kam »Tannhäuser«. Bernd Aldenhoff (Tannhäuser), Christel Goltz (Elisabeth), Arno Schellenberg (Wolfram), Inge Karén (Venus) und Kurt Böhme sangen, um einige der Hauptrollen zu nennen, im Bühnenbild von Karl von Appen. Die neunte Inszenierung der in Dresden mit 14 Produktionen meistinszenierten Oper.
Doch zuvor schon hatte der erste Generalmusikdirektor nach dem Krieg, Joseph Keilberth, mit List und Hartnäckigkeit durchsetzen können, dass Wagner-Noten aufs Pult kamen. Das Gedächtniskonzert zum 100. Geburtstag von Ernst von Schuch am 24. November 1946 hatte zum Auftakt das Vorspiel des "Parsifal"«.

Im Bezug zu dem von Rheingold genannten Buch findet man die Darstellung, dass speziell Dresden in dieser Sache eine Sonderstellung eingenommen haben könnte:

»Unter dem Titel "Richard Wagner in der DDR" erschien zum Wagner Jubiläumsjahr von Werner P. Seifert der Versuch einer Bilanz der Wagner Rezeption nach der "Stunde Null" 1945. Gewichtiger aber noch der Hauptteil der Veröffentlichung einer gründlichen Dokumentation aller Wagner-Aufführungen seit 1945. Diese sorgfältig recherchiert, komplett mit Dirigenten, Regie und Sängern aus den Besetzungslisten der Opernspielpläne von den fast 50 Theaterstandorten bis zum Ende der DDR. "Wieder Wagner" begann – aller Diskreditierung Wagners als "Ahnherr des Faschismus" und einem Verbot auf vier Jahre der Sowjetischen Militäradministration von Wagner-Aufführungen zum Trotz – schon in der Sowjetische Besatzungszone vor Gründung der DDR mit zehn Inszenierungen von Wagner-Opern, wie Seifert auflistet. Lediglich in unserem Dresden hielten die Berührungsängste am längsten. Das Wagner-Verbot wurde von den SED-Stadtoberen folgsamst gewahrt, so dass es zu einer Aufführung erst am 24. Februar 1949 kam.«

Schade, dass man Arno Schellenberg nicht mehr fragen kann wie es denn wirklich war ...

hart

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Donnerstag, 14. Mai 2015, 10:30

Fanny Hensel und ihr Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy - Heute, 14. Mai, ist derTodestag von Fanny Hensel





Die früher geborene Schwester und ihr Bruder starben im gleichen Jahr. Fanny Hensel wurde am 14. November 1805 in Hamburg geboren und starb am 14. Mai 1847 in Berlin.

Felix Mendelssohn (der Nachname des Onkels Bartholdy wird erst 1822 angehängt, als der Vater zum Christentum konvertiert) wurde ebenfalls noch in Hamburg geboren, am 3. Februar 1809, und starb am 4. November 1847 in Leipzig.

Die Eltern der beiden verließen Hamburg bereits 1811, weil sie sich, der französischen Besatzung wegen, dort nicht mehr wohlfühlten. In Berlin waren die Geschwister schon recht früh mit Musik beschäftigt und zeigten ihr Talent der besseren Gesellschaft. Die Hauptbeschäftigung der Geschwister scheint immer die Musik gewesen zu sein, aber Felix war eine Doppelbegabung, denn er war auch ein überdurchschnittlich begabter Zeichner und Maler.
Der Vater schrieb 1820 einen Brief aus Paris, der die Rollenverteilung der beiden Geschwister ganz klar und unmissverständlich regelt:
»Die Musik wird für ihn vielleicht Beruf, während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbasis Deines Seins und Thuns werden kann und soll.«

In Kindheitstagen hat die ältere Schwester wohl einiges zur musikalischen Entwicklung von Bruder Felix beigetragen, aber ab einem gewissen Alter wurde Felix vom Vater klar bevorzugt. 1822 war Felix schon zum dritten Male öffentlich aufgetreten, während die sehr begabte Pianistin Fanny sich den »Sonntagsmusiken« widmen durfte, die zwar eine gewisse Öffentlichkeit mit sich brachten, aber eher der Hausmusik zuzurechnen waren.
Die damalige Atmosphäre wird so beschrieben:
»Am darauf folgenden Sonntag, zwischen 11 und 2 Uhr, war die Aufführung vor großer Gesellschaft in dem sehr geräumigen Gartensaal. In der warmen Jahreszeit standen die Glasthüren offen, und während der Pausen wandelten Sänger und Gäste unter den mächtigen Baumgruppen des sich bis nahe an die Stadtmauer streckenden Gartens.«

Von Carl Friedrich Zelter, der die Geschwister ab 1819 in Musiktheorie unterwies, ist der Ausspruch überliefert, dass Fanny Klavier spiele »wie ein Mann«, was in dieser Zeit als höchstes Lob zu werten ist.
Fanny heiratet den völlig unmusikalischen Hofmaler Wilhelm Hensel, den sie erstmals 1822 auf einem Fest traf, aber Hochzeit konnte erst 1829 gefeiert werden, weil Fannys Mutter vor der Hochzeit hohe Hürden errichtete, was eine sehr lange Verlobungszeit zur Folge hatte. Wilhelm Hensel gewann in den Folgejahren viel Ansehen und 1833 wurde ihm der Professorentitel verliehen und Fanny Hensel war nun »Frau Professor«

Kein anderer Komponist prägte die Geschwister Felix und Fanny so nachhaltig und andauernd wie Johann Sebastian Bach. 1818 überraschte Fanny ihren Vater damit, dass sie ihm eines Tages 24 Präludien von Bach vorspielte und Felix führte im März 1829 die »Matthäuspassion« auf.
Fanny taufte ihren Sohn nach Bach und in ihren Sonntagskonzerten spielten Kompositionen von Bach eine wesentliche Rolle; in der Matthäuspassion wirkt Fanny als Altistin mit.

Viel später wurde auf Anregung und Initiative von Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig ein Bach-Denkmal errichtet, die Einweihung war am 23. April 1843.

Felix hat erst acht Jahre nach seiner Schwester geheiratet. Er hatte seine zukünftige Braut 1836 in Frankfurt kennengelernt. Im September war Verlobung, am 28. März 1837 wurde geheiratet, aber bei der Hochzeit war von den Mendelssohns nur eine Tante anwesend; Felix´ Mutter reiste nicht gerne und Schwester Fanny war erneut schwanger.
Die Familien von Braut und Bräutigam harmonierten zwar nicht optimal, aber Fanny fand dann später ihre Schwägerin doch ganz sympathisch.
Felix hatte in Verbindung mit der Musik viele Ämter und Verpflichtungen und war viel auf Reisen, sowohl beruflich als auch privat. Vor allem fühlte er sich in England sehr wohl, weil er dort nicht nur ein hervorragend organisiertes Musikleben vorfand, sondern seine jüdische Herkunft eher selbstverständlich war, was man von deutschen Verhältnissen nicht sagen kann, wie man leicht herausfindet, wenn man sich mit Details seines Lebens befasst.

Felix war am 12. Mai 1847 von seinem zehnten Englandaufenthalt zurückgekommen. Als er am 17. Mai vom Tod Fannys hörte, brach er mit einem Aufschrei zusammen und blieb längere Zeit regungs- und besinnungslos liegen. Zu einer Reise nach Berlin fühlte er sich zu diesem Zeitpunkt nicht fähig.

In den geliebten Schweizer Bergen suchte er Trost und Ablenkung, wobei er viel aquarellierte.
Allmählich fand er auch zur Musik zurück, das Streichquartett Nr. 6 f-moll wird mitunter als Requiem für Fanny bezeichnet.

Fanny starb am Freitag, den 14. Mai 1847. Während einer Probe von Felix` »Walpurgisnacht«, die sie am darauf folgenden Sonntag hatte aufführen wollen; dabei brach sie bewusstlos zusammen, ein Bluterguss im Gehirn hatte sie getötet.

Nachdem Felix wieder nach Leipzig zurückgekehrt war, konnte er sich nicht wieder auf seine öffentlichen Aufgaben konzentrieren.
Am 28. Oktober 1847 trifft ihn der erste Schlaganfall, der letzte am 3. November, der am darauf folgenden Tag seinem Leben ein Ende setzt.
Am 7. November findet eine Trauerfeier in Leipzig statt und am 8. November wird Felix Mendelssohn Bartholdy neben seiner Schwester auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof in Berlin beigesetzt.

Praktischer Hinweis:
Die Friedhöfe am Halleschen Tor liegen im Berliner Ortsteil Kreuzberg zwischen Mehringdamm und Zossener Straße. Auf diesen Friedhöfen findet man Fanny Hensel und ihren nur wenige Monate später verstorbenen Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy.
Dieser Kirchhof befindet sich in der Nähe des U-Bahnhofs Mehringdamm.

hart

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262

Samstag, 23. Mai 2015, 20:04

Hans Hilsdorf - * 16. März 1930 in Mainz † 17. November 1999 in Berlin


Text unterhalb des Kreuzes: Prof. Hans Hilsdorf von 1973-1999 Direktor der Sing-Akademie zu Berlin - gegr. 1791 -




Man kann hier an den vorigen Beitrag Nr. 261 und auch an die Einstellungen Nr. 223/226 Carl Christian Fasch und Nr. 238, Carl Tausig, anknüpfen, denn beim Gang über diesen Kirchhof kommt man immer wieder an Musikergräbern vorbei, so auch am Grab von Professor Hans Hilsdorf, der in Berlin über viele Jahre in verschiedenen Positionen musikalisch wirkte.
Die »Berliner Zeitung« vom 18. November 1999 weist in ihrem Nachruf darauf hin, dass Hilsdorf zwar nicht zu den musikalischen Stars gehörte, aber in der Stadt dennoch über Jahrzehnte das musikalische Geschehen mit prägte.

»Hans Hilsdorf ist in der Nacht zum Mittwoch in Berlin im Alter von 69 Jahren gestorben. Das teilte die Deutsche Oper Berlin, an der Hilsdorf als Dirigent und Studienleiter arbeitete, am Mittwoch mit. Hans Hilsdorf ist vielen musikalisch Interessierten in Berlin bekannt gewesen. Ohne zu den Stars zu gehören, hat Hilsdorf viel für das musikalische Leben und für die Grundlagen des Musikbetriebs dieser Stadt getan: Als Studienleiter an der Deutschen Oper, als Lehrer an der Hochschule der Künste, als Leiter des Akademischen Orchesters und der Singakademie zu Berlin. Hilsdorf wurde in Mainz geboren, dort hat er auch studiert und erstmals als Musiker gearbeitet. Im Jahr 1959 zog er nach Berlin und bekam ein Engagement an der damals noch Städtischen Oper, zwei Jahre später wurde sie in Deutsche Oper umbenannt. Einige Jahre arbeitete Hilsdorf als Assistent von Karajan, Böhm, Jochum und Maazel; er selbst gab Konzerte mit den Philharmonikern, dem heutigen Deutschen Symphonie-Orchester, aber auch den Wiener Philharmonikern und der Staatskapelle Dresden. Hilsdorf ist auch als Klavierbegleiter einer Reihe namhafter Sängerinnen und Sänger hervorgetreten. Seine eigentlichste Qualität für das Musikleben der Stadt zeigte sich indessen darin, wie er mit anderen arbeitete und wie er die professionelle Arbeit der Musik- Institutionen mit den Fragen und dem Musik-Interesse der Studenten und Laien vermittelte. 1973 begann er die Arbeit mit der Sing-Akademie, die Hilsdorf eine wesentliche Entwicklung verdankt. 1983 erhielt Hilsdorf für seine damals zwanzigjährige kontinuierliche Arbeit mit dem Akademischen Orchester das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland.«

Auf dem Grabstein mit Kreuz steht, dass Prof. Hans Hilsdorf von 1973-1999 Direktor der Sing-Akademie zu Berlin war, und es wird auch das Gründungsjahr 1791 genannt.
Die Sing-Akademie zu Berlin ist die älteste gemischte Chorvereinigung der Welt. Sie wurde 1791 von Carl Friedrich Christian Fasch, dem Hofcembalisten Friedrichs des Großen, ins Leben gerufen, wobei ihm sein Schüler Carl Friedrich Zelter hilfreich zur Seite stand und nach Faschs Tod im Jahre 1800 die Leitung übernahm. Zelter, von Haus aus eigentlich Baumeister, lässt für seine musikalischen Darbietungen den ersten Konzertsaal Berlins bauen, der für seine wunderbare Akustik bekannt ist, und in dem so bekannte Künstler wie Paganini, Rubinstein, Liszt, Brahms und Clara und Robert Schumann auftreten.

Diese beachtliche Tradition führte Hans Hilsdorf in den Jahren von 1973 bis 1999 fort und erweiterte das Repertoire nach allen Seiten. Schließlich feierte die Sing-Akademie unter der Leitung von Hans Hilsdorf im Jahre 1991 ihr 200-jähriges Bestehen.

Die meisten Friedhofsbesucher werden vermutlich nicht bemerken, dass auf der Rückseite des Kreuzes vergoldete Noten in den Stein gemeißelt sind. Kirchenmusiker werden ihre Freude daran haben ...

hart

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263

Sonntag, 14. Juni 2015, 19:32

Manfred Huebner, Bass-Bariton, * 3. Januar 1905 London, † 14. Mai 1978 Dresden





Sein Vater war Deutscher, die Mutter Irin. 1910 kamen seine Eltern nach Berlin, später lebte die Familie in Weimar, Kassel und Konstanz. 1924 wurde er an das Stadttheater von Konstanz als Schauspieler engagiert, studierte aber Gesang, nachdem man seine stimmliche Begabung entdeckt hatte. Seine Lehrer waren Max Gillmann, Fritz Feinhals und Frau Fortelli in München, seit 1927 Oscar Daniel in Berlin. 1931 erhielt er einen Anfänger-Vertrag an der Staatsoper Berlin, wo er als Diener der Amelia in Verdis »Maskenball« debütierte. Bis 1932 blieb er an diesem Opernhaus, an dem er immer größere Rollen übernahm. 1932-36 wirkte er als erster Heldenbariton am Stadttheater von Lübeck, 1936-37 am Landestheater von Gera, 1937-41 am Opernhaus von Essen, 1941-44 am Theater des Volkes in Dresden. Dort trat er auch als Regisseur in Erscheinung. 1944 wurde er zum Kriegsdienst einberufen. Er geriet 1945 in sowjetrussische Gefangenschaft, wurde 1946 in Linz a. d. Donau an die amerikanische Armee ausgeliefert und kam nach Dresden zurück. Der Wiederbeginn seiner Karriere gestaltete sich schwierig; 1947-58 war er dann wieder Mitglied der Staatsoper von Dresden, wo man ihn in den großen heldischen Partien seines Stimmfachs (Wotan, Fliegender Holländer, Scarpia in »Tosca«, Rigoletto, Jago im »Othello«, Hans Sachs in den »Meistersingern«) hörte. In den Jahren 1958-61 gastierte er regelmäßig an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf- Duisburg und an der Nationaloper von Budapest. 1966 verabschiedete er sich am Opernhaus von Leipzig als Hans Sachs von der Bühne; er lebte dann in Dresden. Seine Tochter Karin Huebner hatte eine bedeutende Karriere als Schauspielerin.

Schallplatten: Pizarro in vollständiger Oper »Fidelio« auf Opera. Auf MMS sang er eine kleine Partie in »Salome«.

[Nachtrag] Huebner, Manfred; seine bereits erwähnte Tochter Karin Huebner (* 1937) sang 1961 am Berliner Theater des Westens die Titelrolle in der deutschen Erstaufführung des Musicals »My fair Lady« von F. Loewe (davon ist eine Aufnahme auf Philips vorhanden). - Weitere Schallplatten von Manfred Huebner: MCD (Mitschnitt einer Radiosendung des Reichssenders Berlin von Verdis Oper »Alzia« von 1938).
[Lexikon: Huebner, Manfred. Kutsch/Riemens: Sängerlexikon, S. 11317 (vgl. Sängerlex. Bd. 3, S. 1658; Sängerlex. Bd. 6, S. 388) (c) Verlag K.G. Saur]

Grab-Inschrift:

MANFRED HUEBNER 1905-1978
ICH HABE EINEN
GUTEN KAMPF
GEKÄMPFT ICH
HABE DEN LAUF
VOLLENDET ICH
HABE GLAUBEN
GEHALTEN 2. TIM
4...
Diese archaisch anmutende Grabinschrift mit Unzialbuchstaben ist ein ästhetischer Genuss; zwar kaum lesbar, man muss jeden Buchstaben ertasten, um den Text zu erfassen, aber sehr fein und mit äußerster Sensibilität gestaltet.

Praktische Hinweise:
Das Grabmal befindet sich auf dem Johannisfriedhof Dresden-Tolkewitz.
Vom Haupteingang aus gesehen wendet man sich nach links, auf dem Friedhofsplan ist das Grab mit der Nr. 106 ausgewiesen.

hart

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264

Sonntag, 21. Juni 2015, 00:43

Therese Malten - * 21.6.1853 Insterburg, † 2.1.1930 Neuzschieren bei Dresden - ein Gedenken zum Geburtstag





Therese Malten wurde am 21. Juni 1853 als Therese Müller in Ostpreußen geboren, heute heißt der Ort Tschernjachowsk. Sie lebte mit ihrer Familie zuerst in Danzig, dann in Berlin. Dort wurde sie durch die Pädagogen Gustav Engel und Richard Kale ausgebildet. Stimme und Musikalität hatte sie mütterlicherseits mit auf ihren Weg bekommen
1873 gab sie mit großem Erfolg ihr Debüt als Pamina in der »Zauberflöte« an der Hofoper von Dresden. Wenig später sang sie die Agathe im »Freischütz«, danach war sie hauptsächlich im lyrischen Repertoire der italienischen Oper zu hören.

Als Richard Wagner 1881 die Sängerin als "Senta" hörte, war er begeistert und lud sie für das kommende Jahr nach Bayreuth ein, wo sie dann für einige Jahre oft zu Gast war:
1882 Parsifal (Kundry)
1883 Parsifal (Kundry)
1884 Parsifal (Kundry)
1886 Tristan und Isolde (Isolde) und Parsifal (Kundry)
1888 Die Meistersinger von Nürnberg (Eva) und Parsifal (Kundry)
Die Kundry bot sie in Bayreuth auch in den Jahren 1889 / 91 / 92 / 94

1882 sang sie unter dem großen Wagner-Dirigenten Hans Richter in London, wo sie als Elsa im »Lohengrin«, als Elisabeth im »Tannhäuser«, als Eva in den »Meistersingern« und als Leonore in Beethovens »Fidelio« auftrat.

Ein Höhepunkt in Therese Maltens Karriere waren sicher auch die Münchner Privataufführungen des »Parsifal« vor König Ludwig II. von Bayern im Jahre 1884.

1889 reiste sie mit Angelo Neumanns Operntruppe bis nach Russland, um Wagners Opern auch dort populär zu machen.
Als sie 1903 als Isolde ihren Abschied von der Bühne nahm, hatte sie in Dresden mehr als 1.500 Mal auf den Brettern der Hofoper gestanden. Danach sang sie gelegentlich noch in Konzerten und Oratorien und unterrichtete.

Therese Malten hatte im privaten Bereich eine vermutlich 1887 begonnene Beziehung mit der Wiener Philosophin Dr. Helene von Druskowitz, von der sie sich 1891, nicht ganz unproblematisch, trennte.

Nachdem Kleinzschachwitz 1886 eine Dampfschiffhaltestelle erhalten hatte, entwickelte es sich zu einem ansehnlichen Villenvorort Dresdens, der auch für Prominente attraktiv war. So residierte Therese Malten ab 1893 in einer im Neo-Renaissancestil erbaute geräumige Villa am Elbufer, gegenüber Schloss Pillnitz.
In Dresden hatte die Sängerin nicht nur die Herzen des Opernpublikums erobert, sondern auch das von König Albert.

Ein am 31.08.2001 in DIE WELT erschienener Artikel (hier ist nur eine Passage zitiert) beleuchtet die Situation jenseits musikalischer Aspekte:

»Die kinderlose Opernsängerin wohnte bis zu ihrem Tode in dem 1892/93 erbauten Haus. Zu Malten/Müllers Lebzeiten war die Villa ein Anwesen, das nach modernsten Gesichtspunkten geplant und errichtet worden war. Geld spielte keine Rolle - der König beglich alle Rechnungen. Im Garten gab es eine Kegelbahn, drei Pavillons, einen kleinen Tempel. Der Gartenteich wurde mit Regenwasser, das in Tonnen gesammelt wurde, gespeist. Und die Badewanne der Opernsängerin, darüber staunte ganz Dresden, war von innen beleuchtet. Auch die Dampfmaschine für die hauseigene Energieerzeugung rief Bewunderer und Neider auf den Plan.«

Als Therese Malten 1930 starb, vererbte sie die Villa ihrer Haushälterin, die das Anwesen jedoch wegen der anfallenden Erbschaftssteuer nicht halten konnte. Das Haus wurde nach 1945 durch die kommunale Wohnungsverwaltung an mehrere Familien vermietet. Inzwischen ist das Anwesen wieder in Privatbesitz und es werden Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen angeboten.

Praktischer Hinweis:
Therese Malten wurde auf dem Trinitatisfriedhof in Dresden-Johannstadt bestattet. Wenn man den Eingang 1 an der Fiedlerstraße benutzt, geht man geradeaus bis zum Andachtsplatz und wendet sich dort nach links zum Feld IIIO. Auf dem Friedhofsplan ist das Grab mit der Nr. 41 bezeichnet.

hart

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265

Donnerstag, 2. Juli 2015, 12:19

Felix Mottl - * 24. August 1856 in Unter Sankt Veit bei Wien; † 2. Juli 1911 in München



Felix Mottls Orchester spielte am 6. Juli 1911 bei der Trauerfeier auf dem Münchner Ostfriedhof »Isoldes Liebestod«, was Mottl, als die Oper von ihm zum hundertsten Mal aufgeführt wurde, nicht mehr dirigieren konnte.
Am Spätnachmittag des Aufführungstages bekam der Dirigent einen Anruf, der seinem geschwächten Herzen nicht guttat; er musste sich hinlegen und ein Beruhigungsmittel einnehmen. Das weitere Geschehen wird von seinem Sekretär Willy Krienitz so berichtet:

»Im Theater angekommen. nahm er noch einmal ein schmerzstillendes Mittel und betrat dann den Orchesterraum. Das hohe Lied das er zu künden vermochte wie kein anderer, hub an. Da plötzlich, als das Moroldlied verklungen und Isolde mit Brangäne wieder allein auf der Bühne war, krampfte sich Mottl ans Dirigentenpult, übergab Konzertmeister Ahner den Taktstock und verließ das Orchester. Kaum hatte er das Kapellmeisterzimmer erreicht, brach er zusammen.«

Die Opernaufführung ging weiter. Der in der Vorstellung anwesende Kapellmeister Cortolezis löste im 1. Akt den Konzertmeister am Dirigentenpult ab. Den 2. und 3. Akt übernahm dann der erfahrene Hofkapellmeister Franz Fischer.
Ein Arzt war bereits im Theater anwesend, ein zweiter wurde hinzu gerufen und es war noch möglich, den Schwerkranken nach Hause zu bringen. Am darauf folgenden Tag war die Einweisung ins Krankenhaus unvermeidlich.

Am ersten Krankenhaustag, es war der 22. Juni, wurde im Krankenhaus auf Wunsch Mottls eine Nottrauung mit der Sängerin Zdenka Faßbender vollzogen, und es gelang dem Patienten noch die Urkunde zu unterschreiben, obwohl dem Standesbeamten auch ein einfaches Zeichen des Einverständnisses genügt hätte.
Trotz zunehmendem Kräfteverfall entwickelte Mottl noch Zukunftspläne. Gerade als sich der Patient überraschend gut fühlte, kam eine erneute Herzattacke und Mottl ging aus dieser Welt; ein Arbeitsreiches Leben für die Musik hatte ein Ende gefunden.

Am Ende seines Lebens stand eine Nothochzeit, und sein Leben begann mit einer Nottaufe; der Bub war in schwächlicher Konstitution zur Welt gekommen. Aber er entwickelte sich dann prächtig, vor allem was musikalische Belange betraf, zudem wird berichtet, dass der aufgeweckte Knabe bereits im Alter von drei Jahren von seinen Eltern in die Dorfschule geschickt wurde und als Vierjähriger bereits fließend lesen konnte. Die Mutter war eine Lehrerstochter, der Vater spielte als Autodidakt mehrere Musikinstrumente und gab seinem Sohn den ersten Klavierunterricht. Hier herrschte an Begabungen kein Mangel, zu all dem hatte der Knabe noch eine sehr schöne Stimme und im Alter von zehn Jahren wirkte er als Sängerknabe in den Aufführungen der kaiserlichen Hofkapelle mit.

Nun wollten seine Eltern den inzwischen Vierzehnjährigen aufs Gymnasium schicken, aber da gab es erhebliche Schwierigkeiten mit der Disziplin; der junge Mann hatte vorrangig Musik und Theater im Kopf. Im Herbst 1870 wurde der musikbegeisterte Sohn beim Wiener Konservatorium angemeldet, das in dieser Zeit zu den besten Ausbildungsstätten dieser Art zählte.
Da Mottls Vater fürstlicher Kammerdiener war, standen dem jungen Theaternarr stets die Loge der Fürstin sowohl im Burgtheater als auch in der Hofoper zur Verfügung, was der junge Mottl weidlich ausnutzte.
Am Konservatorium wurde er in Instrumentation und im Dirigieren von Hofkapellmeister Dessoff unterrichtet; ein recht tüchtiger Mann, zu dem Mottl aber keine echte Beziehung aufbauen konnte. Mottls bedeutendster Lehrer war Anton Bruckner, der am Konservatorium Harmonielehre und Kontrapunkt unterrichtete. Unter Hellmesberger saß Mottl im Orchester des Konservatoriums an der großen Trommel. Die Kombination dieser Ausbildung mit den unwahrscheinlich vielen Theaterbesuchen - er sah innerhalb eines Jahres, neben anderen Aufführungen, »Lohengrin« neun und »Tannhäuser« sechs Mal - bewirkte, dass er sich in seinen Schülerjahren ein ganz breites und reichhaltiges Fachwissen aneignete.

Mottls absolutes Idol war Richard Wagner, für dessen Musik er die Werbetrommel rührte und bereits 1873 fanden sich einige Gleichgesinnte zusammen die in Wien einen »Akademischen Richard-Wagner-Verein« gründeten, der 16-jährige Mottl wurde zum Schriftführer gewählt und war an den Musikabenden oft als Interpret aktiv.
Und dann war da noch Mottls Verehrung für Franz Liszt, der 1874 nach Jahrzehnten mal wieder zum Musizieren nach Wien kam. Die Schüler des Konservatoriums durften in den Proben zuhören und Mottl notierte: »Liszt spielt! Heiliger! Es ist das Größte, was ich je gehört habe.«
Ein Jahr später kam Richard Wagner nach Wien; Mottl stand mit Bruckner am Bahnhof zur Begrüßung bereit und wurde schließlich auch, zusammen mit anderen Musikern, zum Frühstück ins Hotel Sacher eingeladen. Als 1876 die Bayreuther Festspiele eröffnet wurden, hatte Mottl in der Vorbereitung dieses Ereignisses drei Monate eng mit dem von ihm verehrten Meister zusammengearbeitet, was ihn für den Rest seines Lebens prägte. Mottl notierte sich viele Anweisungen Wagners, aber er hielt auch fest wie Wagner dirigierte - zum Beispiel »Lohengrin« -»Vorspiel sehr langsam und unendlich breit! ... Vorspiel 3. Akt nicht schnell, aber feurig!«

Im Folgenden sah und hörte man Mottl in vielen Konzerten in unterschiedlicher Funktion. Ab 1. Oktober 1878 erhielt er sein erstes festes Engagement als Dirigent an das Wiener Ringtheater, das allerdings nicht die erste Adresse war, Mottl sprang da schon auch mal als Sänger ein, wenn Not am Mann war. Auch in späteren Jahren muss er noch im Besitz einer schönen Stimme gewesen sein, denn es ist ein Fall bekannt, wo Mottl einen gestandenen Kammersänger ersetzte, weil dessen Stimme ermüdet war ...

Nach einer ausgedehnten Urlaubsreise bekommt Mottl das Angebot sich für die Kapellmeisterstelle in Karlsruhe zu bewerben. Dort angekommen, überraschte man ihn mit der Nachricht, dass er drei Tage später vor Ort »Lohengrin« dirigieren sollte, wobei im lediglich eine Probe zugestanden wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte Mottl zwar noch nie eine Wagner-Oper dirigiert, aber es gelang ihm mit der Qualität seines Dirigats vierzehn Mitbewerber aus dem Feld zu schlagen.
Bereits im ersten Vierteljahr seines Wirkens bestimmte ein neuer Stil das Karlsruher Musikleben. Die neudeutsche Richtung mit Wagner und Liszt sowie der ihnen nahestehende französische Komponist Hektor Berlioz erschienen auf dem Spielplan. Die »Allgemeine musikalische Zeitung« kommentierte das Geschehen so:
»Der junge Musiker, obwohl er noch keine kapellmeisterliche Carriére hinter sich hat, besitzt ein entschiedenes Kapellmeistertalent und hat in der kurzen Zeit seiner Wirksamkeit das Orchester mit fester Hand zusammen genommen.«
Der junge Musiker war zu diesem Zeitpunkt gerade mal 24 Jahre alt, und in seinem ersten Karlsruher Jahr hat Mottl ein Riesenpensum erledigt:
Dirigent in Oper und Konzert, als Pianist, und sogar als Klavierlehrer der Großherzoglichen Prinzessin.
Karlsruhe war nicht der Nabel der Welt, keine der großen Metropolen und Mottl kam immerhin aus Wien. Aber von Karlsruhe aus gab es damals schon recht gute Zugverbindungen, die es Mottl - nachdem sein Ruf im Laufe der Jahre weit über seinen Karlsruher Wirkungskreis hinaus gedrungen war - ermöglichte in ganz Europa zu konzertieren, und davon machte er reichlich Gebrauch.
Nachdem Richard Wagner 1883 gestorben war, entwickelte sich vor allem eine starke Verbindung nach Bayreuth, wo Cosima streng über das Werk ihres Gatten wachte; von allen Frauen, die Mottl im Laufe seines Lebens kennen lernte, war Cosima die für ihn bedeutendste Persönlichkeit. Die Korrespondenz mit Cosima Wagner umfasst - von beiden Seiten - mehr als 500 Briefe (man sagt, dass Mottl auch ansonsten ein eifriger Briefschreiber gewesen sei und meist täglich mehr als zehn Briefe geschrieben habe).
Cosima erwählte den noch nicht einmal dreißigjährigen Mottl, der die erste Neueinstudierung von »Tristan« seit Wagners Tod beim zehnjährigen Bayreuther Jubiläum dirigieren sollte.
Cosima kam auch oft nach Karlsruhe und bestärkte Mottl darin an seinem Opernhaus auch die frühen Werke Wagners aufzuführen, die nicht für Bayreuth gedacht waren; sie reiste sogar an, um den Spielleiter in Karlsruhe mit ihrem speziellen Wissen zu unterstützen. Als Liszts »Die Heilige Elisabeth« in Karlsruhe aufgeführt wurde, reiste Frau Cosima mit ihren Kindern an, und Strauss und Humperdinck waren auch da.
So war es sicher kein Zufall, dass Cosimas Sohn Siegfried ausgerechnet am Technikum Karlsruhe sein Architekturstudium begann; während seiner Studienzeit von zwei Semestern in dieser Stadt, hörte er alle Konzert- und Opernaufführungen Mottls und berichtete seinem Lehrer Humperdinck darüber.
Als Mottl im Dezember 1892 die 26-jährige Sängerin Henriette Standhartner heiratete, die er ab jetzt »Hansl« nannte, beschrieb er in einem Brief an Cosima seine Frau so:
»die zauberhafteste Sirene, welche jemals einen Schiffer an ihre Ufer gelockt hat.«
Ab diesem Zeitpunkt hatte Cosima in Mottls Leben einen anderen Stellenwert, aber in Sachen künstlerischer Auffassung orientierte er sich zeitlebens an der »Hohen Frau«. Als Mottl später nach München wechselte, sah es Cosima nicht gerne, dass Felix Mottl sich nicht ausschließlich Bayreuth widmet.
Noch arbeitet Mottl in Karlsruhe, und wie er da arbeitet! Sein Pensum und seine Qualität sind beachtlich. Rezensenten stellten fest, dass das relativ kleine Karlsruher Orchester unter Mottl oft besser spielte als manch großer Klangkörper in den Musikmetropolen.
So führte er beispielsweise die »Trojaner« auf, ein Werk, an dem Berlioz acht Jahre lang gearbeitet hatte und das zu seinen Lebzeiten nie vollständig zur Aufführung kam; es hatte eine Spieldauer von über sechs Stunden. Die Oper »Der Barbier von Bagdad« von Peter Cornelius, wäre vermutlich der Vergessenheit anheimgefallen, wenn sich Mottl ihrer nicht angenommen hätte; der sich daran anschließende Disput um die Bearbeitung durch Levi und Mottl ist eine Geschichte für sich ...
Felix Mottl war auch von dem Opernkomponisten Franz Schubert begeistert und brachte am 9. Februar 1897 in Karlsruhe die heroisch-romantische Oper »Fierrabras« zur Uraufführung - auch in diesem Falle war es dem Komponisten nicht vergönnt, die Aufführung zu erleben.


Mottl setzte sich aber in Karlsruhe auch sehr für die Bühnenwerke zeitgenössischer Komponisten wie zum Beispiel: Strauss, Schillings, Thuille, Klose, Braunfels, Wolf-Ferrari und d´Albert ein.

Das großherzoglich badische Hoftheater verfügte auch über eine Reihe vorzüglicher Sängerinnen und Sänger, deren Leistungen durch Kritiken dokumentiert sind; Tonaufnahmen sind aus dieser Zeit nicht verfügbar, aber Namen wie Pauline Mailhac und Fritz Plank haben auch heute noch eine gewisse Strahlkraft. Der Bariton Fritz Plank verunglückte bei einer Freischütz-Probe tödlich; die kluge Pauline Mailhac zog sich auf dem Höhepunkt ihres Leistungsvermögens von der Bühne zurück. Als Nachfolgerin der Mailhac betrat Zdenka Faßbender die Karlsruher Bühne und Mottl studierte mit der zwanzigjährigen Anfängerin erfolgreich die Brünhilde (Walküre) und der jungen Dame wurden rasch bessere Vertragsbedingungen angeboten.
Frau Mottl-Standhartner, die ebenfalls an der Hofoper sang, musste eine Pause einlegen; Felix Mottl wurde im Mai 1894 Vater eines Wolfgang Amadeus Richard. In dieser Zeit interessierte sich Mottl verstärkt für die Werke Johann Sebastian Bachs.

Frau Mottls Wirken in Karlsruhe wird von dem Journalisten Albert Herzog so beschrieben:

»Es war Frau Mottl-Standhartner, die jetzt als Sieglinde und Elisabeth und vor allem als Mozartsängerin das Publikum entzückte. Ihre Stimme war voll Schmelz und Süße, aber ihr Ehrgeiz, auch ihre Eigenart fernliegende Partien zu singen, ließ sie vor der Zeit versagen. Sie war nicht ganz leicht zu behandeln, die Frau des Herrn Generalmusikdirektors.«
Als Herzog Mottl zuredete, dass er seiner Frau doch sagen sollte, dass sie einer Sangespause bedürfe, entgegnete der Dirigent und Ehemann: »Sö, wie könnens mir dös zumuten! Sö san doch selbst verheiratet!«


In der Ehe lief es nicht rund und im Theater gab es - bei aller Wertschätzung Mottls - natürlich auch Querelen. Aber der Dirigent war oft auf Reisen, die ihm der Dienstherr großzügig gestattete. Vor allem das französische Musikleben hatte es Mottl angetan, das im Jahrzehnt vor 1900 in höchster Blüte stand; so fanden beispielsweise an Sonntagnachmittagen in Paris gleichzeitig in fünf Sälen Symphoniekonzerte statt; schon Mottls Name auf den Anschlagsäulen garantierte in Paris volle Säle. Die Fachwelt wunderte sich, dass Mottl immer noch sein festes Engagement in Karlsruhe hatte. Insgeheim schielte der Kapellmeister zeit seines Lebens nach München und Wien - da erreichte ihn ein Angebot aus Amerika, zu einem Zeitpunkt als ein Wechsel nach München möglich wurde.
Wie es um die eheliche Gemeinsamkeit bestellt war sagt ein Eintrag in Mottls Tagebuch:
»Szenen, Jammer ... Hansl unerträglich, wär ich sie nur los ...«

Nach 23 sehr erfolgreichen Jahren in Karlsruhe verlässt Mottl die Stadt Richtung Amerika, seine Frau und den zehnjährigen Sohn zurücklassend.
Der neue Direktor der Metropolitan Opera New York hatte ein Angebot unterbreitet, das Mottl nicht ausschlagen konnte: Für eine Tätigkeit von fünf Monaten konnte er mehr verdienen als in Karlsruhe in fünf Jahren. In der Neuen Welt hätte man Mottl gerne länger gehalten, aber er konnte nach seiner Rückkehr aus Amerika in München einen weitaus besseren Vertrag erhalten als bisher in Karlsruhe.
Glücklich war Mottl dort drüben nicht; unmittelbar nach seiner Ankunft in New York stellt er fest:
»So viel ist mir bereits klar, dass ich nicht der richtige Mann für Amerika bin. Das hier nötige sich Vordrängen und Hervorkehren der eigenen Person, bleibt mir nun einmal versagt und ist mir ekelhaft und unmöglich.«

Der amerikanischen Lebensart konnte Mottl nichts abgewinnen, sie war ihm fremd und unangenehm, eine Verlängerung des dortigen Wirkens oder eine zweite Reise über den Ozean war für ihn undenkbar. Aber die in Amerika gewonnenen Erfahrungen konnte er für seine weitere Tätigkeit in Europa nutzen. Er musizierte auch in anderen großen Städten, wobei im Boston von allen bereisten amerikanischen Städten am besten gefiel. Insgesamt war er ein halbes Jahr in Amerika. In den sechs Monaten hatte er in Amerika 60 Mal dirigiert: Die Opern Tannhäuser, Lohengrin, Tristan und Isolde, Walküre, Siegfried, Zauberflöte, Figaros Hochzeit, Weiße Dame, Romeo und Julia, Carmen, Glöckchen des Eremiten und dazu noch sieben verschiedene Konzerte mit Solisten.
Mottls Freude ist groß, als das Amerika-Abenteuer beendet ist.
Am 3. Mai 1904 geht Mottl in Bremerhaven von Bord, übernachtet in Bremen und fährt am 5. Mai über Frankfurt - ohne in Karlsruhe Station zu machen - nach München. Frau Mottl war zwischenzeitlich mit dem Sohn nach München gezogen und nach Mottls Rückkehr setzten sich die Ehestreitigkeiten fort. Als Henriette ihrem Gatten drohte, dass sie ihm mit einem Rasiermesser die Gurgel durchschneiden würde, konsultierte der Kapellmeister einen Anwalt, der die Scheidung betreiben sollte. Oft flüchtet er sich zum Starnberger See, um dort in einem gemieteten Zimmer zu übernachten.
Auch die beruflichen Belastungen waren in dieser Zeit enorm und es ist nicht verwunderlich, dass sich schlimme Vorzeichen einer Erkrankung der Herzkranzgefäße zeigten, was jedoch damals kein Grund war etwa das Rauchen einzustellen. Die Ärzte verordneten Bäder, Ruhezeiten und Spaziergänge.
Mottl war sowohl privat als auch beruflich höchsten Belastungen ausgesetzt, denn er wurde auch noch zum Direktor der »Akademie der Tonkunst« berufen. Neben seinen Münchner Tätigkeiten, hatte er noch die Verpflichtungen sechs Abonnementkonzerte der Wiener Philharmoniker zu leiten, was eine aufreibende Reisetätigkeit zwischen München und Wien zur Folge hatte.
Im Scheidungsprozess von 1907 konnte er klarstellen, dass das Engagement von Zdenka Faßbender nach München nicht durch ihn, sondern durch den Intendanten eingeleitet worden war. Die Faßbender sang unter Mottl 1909 eine ganz hervorragende »Elektra».
Während Mottl über seine Verbindung mit Zdenka Faßbender weitgehend Stillschweigen bewahrte, wussten wohl alle am Theater was läuft und die beiden waren auch Ende August bei Pauline und Richard Strauss für einen Nachmittag in die Garmischer Villa eingeladen.
Im Januar 1910 reist Mottl nach Russland, wo er auch Pablo Casals traf und im Juli, während eines Kuraufenthaltes im Engadin, erreichte ihn die Nachricht seines Anwalts, dass die Scheidung nun vollzogen sei; er glaubte in geordneten häuslichen Verhältnissen ein glücklicheres Leben vor sich zu haben.
Sein Arbeitspensum war weiterhin sehr hoch; Mottl hat neben seiner umfangreichen musikalischen Arbeit unwahrscheinlich viel gelesen und geschrieben, was durch Tagebucheinträge deutlich wird.

Ab Juli 1907 ist Mottl kgl. Generalmusikdirektor und hat einerseits Riesenvollmachten, aber andererseits kam es natürlich auch zu einer beträchtlichen Zunahme an Büro- und Verwaltungsarbeit.

Ursprünglich wollte Mottl einmal in Österreichs Erde ruhen; das hatte er einmal in einem Brief an die Gräfin Thun geschrieben:
»... so werde ich nicht aufhören, Wien heiß zu lieben! Ich werde ein Testament machen und bestimmen, daß ich in Hietzing einmal neben meiner geliebten Mutter begraben werde! Dann bin ich doch in österreichischer Erde! Im ächten Land, im Heimatland.«

Davon war 1911 keine Rede mehr, er wies seinen Sekretär an rechtliche Schritte vorzubereiten, weil er und sein Sohn in den Bayerischen Staatsverband aufgenommen werden wollten: »Entlassung aus dem österreichischen Staatsverband. Da meine Stellung eine Lebensstellung ist, ist mein Entschluß, nicht mehr nach Österreich zurückzukehren, definitiv.«

Zum 100. Geburtstag von Franz Liszt, am 22. Oktober 1911, hatte die philosophische Fakultät der Universität Heidelberg vorgesehen im Rahmen dieser Feierlichkeiten Felix Mottl den Ehrendoktor zu verleihen. Dazu kam es nicht mehr; Felix Mottl starb am 2. Juli 1911 in München, heute ist sein Todestag.

Praktischer Hinweis:
Felix Mottl wurde auf dem Münchner Waldfriedhof (alter Teil) bestattet. Vom Haupteingang geht man etwa 350 Meter geradeaus und biegt auf der Höhe des Max-Reger-Grabes rechts ab zum Grabfeld 45 (Friedhofsplan) und steht nach weiteren 200 Metern vor dem Grab des Dirigenten und Komponisten Felix Mottl.

hart

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Sonntag, 5. Juli 2015, 10:15

Zdenka Faßbender, Sopran, * 12. Dezember 1879 Decin in Böhmen, † 14. März 1954 München


Wenn man das kleine Hintertürchen am See benutzt, findet man das Grab gleich rechts an der Mauer





Da diese Sängerin im vorigen Beitrag erwähnt wurde, bietet es sich an, auf ihr künstlerisches Wirken mit diesem Text aus dem bekannten Sängerlexikon umfassend hinzuweisen.

Sie erhielt ihre Ausbildung zur Sängerin durch die Pädagogin Sophie Loewe-Destinn in Prag. 1899 debütierte sie am Hoftheater von Karlsruhe als Rachel in »La Juive« von Halévy und konnte sich hier bald als Repräsentantin des hochdramatischen Fachs auszeichnen. 1903 wirkte sie dort in der Uraufführung der Oper »Ilsebill« von Fr. Klose in der Titelrolle mit. In Karlsruhe lernte sie den berühmten Dirigenten Felix Mottl (1856-1911) kennen, den sie offiziell jedoch erst auf dessen Sterbebett heiratete (da seine erste Ehefrau Henriette Mottl-Standthartner nicht in eine Scheidung einwilligte). Als dieser 1904 an die Münchner Hofoper berufen wurde, deren Direktor er 1907-11 war, folgte Zdenka Faßbender 1905 einem Ruf an dieses traditionsreiche Opernhaus. Sie gehörte bis zu ihrem Rücktritt von der Bühne im Jahre 1924 zu den prominentesten Mitgliedern der Münchner Hofoper (seit 1918 Bayerische Staatsoper genannt). Man bewunderte sie in Partien wie der Venus im »Tannhäuser«, der Ortrud im »Lohengrin«, der Isolde in »Tristan und Isolde«, der Brünnhilde im Ring-Zyklus, der Kundry im »Parsifal«, der Santuzza in »Cavalleria rusticana«, der Iphigenie in Glucks »Iphigenie auf Tauris«, der Alceste von Gluck, der Valentine in den »Hugenotten« von Meyerbeer, der Dido in »Les Troyens« von Berlioz, der Katharina in »Der Widerspenstigen Zähmung« von H. Goetz, der Minneleide in der »Rose vom Liebesgarten« von Hans Pfitzner, der Gundula in »Der Bergsee« von J. Bittner und der Leonore in Beethovens »Fidelio«. Sie wirkte in den Münchner Premieren der Opern »Tiefland« von d'Albert (1908 als Martha), »Elektra« von R. Strauss (1908 Titelrolle), »Tosca« (1909 Titelrolle), »Der Rosenkavalier« (1911 als Marschallin), »Der arme Heinrich« von H. Pfitzner (1913 als Hilde), »Parsifal« (1914 als Kundry) und »Mona Lisa« von M. von Schillings (1917 Titelrolle) mit. Gastspiele trugen der Künstlerin internationale Erfolge ein; so sang sie 1910 bzw. 1913 in London die Elektra und die Isolde unter Sir Thomas Beecham, 1912-14 in den Aufführungen des Ring-Zyklus am Théâtre de la Monnaie in Brüssel. 1904 gastierte sie an der Wiener Hofoper, 1909 an der Berliner Hofoper, auch an weiteren großen Opernhäusern in Deutschland, u.a. häufig in Stuttgart, an den Hoftheatern von Wiesbaden und Mannheim und am Opernhaus von Köln. 1928 erschien sie nochmals an der Münchner Staatsoper als Elektra. Seit 1920 war sie in zweiter Ehe mit dem Münchner Kunstverleger Franz Hanfstengl verheiratet.

Lit.: Oskar Geller: »Zdenka Faßbender« (München, 1909).
Es ist ganz unverständlich, daß von der Stimme der berühmten Sängerin keine Schallplattenaufnahmen vorhanden sind.

[Lexikon: Faßbender, Zdenka. Kutsch/Riemens: Sängerlexikon, S. 7274 (vgl. Sängerlex. Bd. 2, S. 1090) (c) Verlag K.G. Saur]

Anmerkung:
Es ist zwar nicht von musikalischem Belang, aber ich bin nicht sicher, dass Zdenka Faßbender einen Franz Hanfstaengel geheiratet hat. Der Kunstverleger Franz Hanfstaengl lebte von 1804-1877 und Zdenka Faßbender wurde 1879 geboren ...
Bei dem Ehemann dürfte es sich um Edgar II handeln, der den Kunstverlag 1907 übernahm und damals den sensationellen Lichtdruck einführte. Das passt dann auch zu den Daten, die am Grab ausgewiesen werden.

Praktischer Hinweis:
Man findet das kleine Grab der großen Sängerin auf dem Alten Friedhof in Tutzing, ein kleiner Friedhof, nur wenige Meter vom Starnberger See entfernt an der Graf-Vieregg-Straße. Am besten orientiert man sich an den Hinweisschildern zum Ortsmuseum. Von dort aus sind es nur wenige Schritte zu dem kleinen Hintertürchen, wo man sich nach rechts wendet und das Grab direkt an der Mauer dann nicht mehr übersehen kann.

hami1799

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Sonntag, 5. Juli 2015, 23:17

Praktischer Hinweis:
Man findet das kleine Grab der großen Sängerin auf dem Alten Friedhof in Tutzing, ein kleiner Friedhof, nur wenige Meter vom Starnberger See entfernt an der Graf-Vieregg-Straße.

Und das sagst Du erst jetzt? Gerade vor Kurzem bin ich mit meinem Enkel den mühsamen Weg von der Anlegestelle zum Bahnhof Tutzing gepilgert.
Da muss ich ja fast darüber gestolpert sein.

hart

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268

Montag, 6. Juli 2015, 18:30

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Lieber hami,

vom Biergarten meiner Unterkunft aus sind es keine zwei Gehminuten zum Haupteingang des Alten Friedhofs. Wenn Du wieder mal da hin kommst, benutzt Du nicht den von mir im vorigen Beitrag beschriebenen seenahen Hintereingang, sondern den Haupteingang, dann kommt man schon nach wenigen Schritten am schön gestalteten Grabmal eines berühmten Sänger-Ehepaars vorbei, die noch dem Märchenkönig vorsangen und geht danach zum Grab von Zdenka Faßbender am Ende des Friedhofs.
Wenn der Musikfreund aber schon zum Bahnhof hochkraxelt, dann sollte er auch noch die paar Meter unter den Gleisen durchgehen, dann kommt man - rechts vom Bahnhof - zum Neuen Friedhof (Boeckeler Straße 4-6). Dort ist in Eingangsnähe das Grab der Pianistin Elly Ney (siehe Beitrag 197). Also wenn man schon mal da ist ...

hart

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Freitag, 10. Juli 2015, 00:51

Carl Orff * 10. Juli 1895 in München; † 29. März 1982 München - Carl Orff, das war doch der mit den Xylophonen ...







Auch heute, an seinem 120. Geburtstag, werden wohl die wenigsten Menschen den »Heiligen Berg« zum Kloster Andechs wegen Carl Orff besuchen.

Musikinteressierte wissen, dass Orff dort oben in der Kirche bestattet wurde, aber man muss den Ort ganz präzise benennen, es ist eine der angebauten Kapellen - die »Schmerzhafte Kapelle«.
Für einen Nichtadligen und Nichtgeistlichen ist das eine ungewöhnliche Ehre. Die Inschrift auf der Grabplatte lautet SUMMUS FINIS. »das höchste Ziel«


Carl Orff wurde am 10. Juli 1895 in München geboren. Er stammte aus einer alten bayerischen Familie, die beiden Großväter waren Generalmajore, sein Vater Heinrich war Offizier.
Orffs Kindheit war stark von Musik geprägt, da im Elternhaus regelmäßig musiziert wurde. Die Mutter Paula war Pianistin, und auch der Vater spielte nicht nur Klavier, sondern auch verschiedene Streichinstrumente. So war es fast normal, dass Carl fünfjährig seinen ersten Klavierunterricht erhielt, zwei Jahre später mit dem Cellospiel begann und mit 14 Jahren erste Versuche auf der Orgel machte.

1912 verließ er vorzeitig die Schule, um an der Akademie der Tonkunst in München unter anderem bei Anton Beer-Waldbrunn bis 1914 Musik zu studieren. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird Orffs erstes Orchesterwerk »Tanzende Faune« geprobt und der Dirigent, Eberhard Schwickerath, weigert sich die Probearbeit fortzusetzen, der Akademie-Professor stuft das Werk als unreif und unspielbar ein. Es eine Phase des Suchens - da waren Debussy, Schönberg, Strauss, Pfitzner ...

Von da aus war es noch ein langer Weg bis zum großen Wurf von »Carmina Burana« im Jahr 1937 - ein Werk, das keineswegs auf Anhieb anerkannt wurde.
Ab 1915 nahm er Privatunterricht bei Hermann Zilcher, um sein Klavierspiel zu verbessern. Zilcher vermittelte Orff dann 1916/1917 als Kapellmeister an die Münchner Kammerspiele
Seine Kapellmeistertätigkeit setzte Orff 1918/1919 am Nationaltheater Mannheim sowie am Hoftheater Darmstadt fort.

1924 gründet Orff zusammen mit Dorothee Günther eine Ausbildungsstätte für Gymnastik und Tanz; es handelt sich um eine Synthese aus Musik, Sprache und Bewegung. Die hier gesammelten Erfahrungen flossen dann in das Orffsche Schulwerk ein, das er nach eigenem Bekunden als eine Art »Steinbruch« für die Komposition der »Carmina Burana« benutzte.
An die Musik aus »Carmina Burana« denkt wohl jeder automatisch, wenn der Name Carl Orff ins Spiel kommt. Bei seinen Opern »Der Mond« (UA 1939) und »Die Kluge« (UA 1943) muss man eher auf Operngeher der 1950er Jahre zurückgreifen, die das noch im Kopfe haben.

Die »Carmina Burana« weckten zunächst, vor und nach der Uraufführung 1937 in Frankfurt, den Argwohn einer damals dominanten Partei: Der Völkische Beobachter sprach von »artfremden rhythmischen Elementen« und der Präsident der Reichsmusikkammer, Peter Raabe, hat es noch drastischer formuliert, er sprach von »bayerischer Niggermusik«.

Heutzutage macht man Orff zum Vorwurf, dass er in dieser dunklen Zeit nicht der ganz große Widerstandskämpfer war, natürlich ist ein Künstler primär mit seiner Musik befasst und daran interessiert, dass die von ihm geschaffenen Werke aufgeführt wurden.
Künstler sind irgendwie immer umstritten und es liegt in der Natur der Sache, dass es je nach Standpunkt und Blickwinkel, unterschiedliche Aussagen zu den von ihnen produzierten Werken gibt.
So schrieb zum Beispiel DER SPIEGEL 1959:
...» vom umstrittenen Musikmann, dem bis heute in beispielloser Manier gelungen ist, mit Hilfe einiger Errungenschaften aus Strawinskis sakralem Werk und einem Minimum eigener Erfindungen ein Maximum an Anerkennung - wenn auch nur im deutschstämmigen Kulturraum - zu erlangen.«

In der Zwischenzeit sind einige Jahre vergangen und der Journalist der 1960er Jahre konnte nicht ahnen, dass 1993 die Werbeagentur Lintas mit Orffscher Musik ein neues Nestle-Schokoladensortiment am Markt einführte und damit eine Verbreitung fand, die sich Carl Orff zu Lebzeiten nicht vorstellen konnte. Infolge dieser Werbung erlangte das Werk eine so große Popularität, dass die Verkaufszahlen von CDs drastisch in die Höhe schnellten. 1998 konnte man im Schaufenster eines Berliner Musikgeschäftes die Werbung für eine CD lesen: »Carmina Burana« - »bekannt aus der Nestlé-Werbung« und diese Musik brachte es zu Massenveranstaltungen in Festhallen.

Als Carl Orff 86-jährig am 29. März 1982 in München starb, war er ein bekannter Mann, der auch durch die Komposition zweier Musikstücke zu Eröffnungsfeiern der Olympischen Spiele 1936 in Berlin und 1972 in München ein Publikum das nicht ins Theater geht, erreicht hatte.

Aus dem privaten Bereich sind vier Ehen bekannt, wobei die Schriftstellerin Luise Rinser, mit der er von 1954 bis 1959 verheiratet war, in ihrem Metier ähnlich prominent war wie Orff als Musiker. Sie meinte einmal: »Es war die Hölle, mit einem Genie verheiratet zu sein«. Zumindest scheint sie ihren Ehemann als Genie anerkannt zu haben.

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Freitag, 10. Juli 2015, 01:25

Die »Carmina Burana« weckten zunächst, vor und nach der Uraufführung 1937 in Frankfurt, den Argwohn einer damals dominanten Partei: Der Völkische Beobachter sprach von »artfremden rhythmischen Elementen« und der Präsident der Reichsmusikkammer, Peter Raabe, hat es noch drastischer formuliert, er sprach von »bayerischer Niggermusik«.
Lieber hart,

zunächst erst einmal ganz herzlichen Dank für deinen umfangreichen Würdigungsartikel zum 120. Geburtstag von Carl Orff. :jubel:

Bezüglich der "Geburtswehen" von Orffs berühmtestem Werk gibt es inzwischen allerdings auch kritischere Kommentare, die zumindest Orffs nach Kriegsende vorgenommenen Darstellungen widersprechen. Diesbezüglich möchte ich alle Interessierten gerne auf diesen Text hinweisen:

https://www.freidok.uni-freiburg.de/fedo…s/FILE1/content
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

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