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moderato

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331

Montag, 22. November 2010, 22:02

Gesetzt den Fall, wir sässen in der Wohnung von Schober, in jenem Zimmer unter den Zuhörern und Zuhörerinnen, als die Winterreise zum ersten Mal im privatem Kreis aufgeführt wurde. Wir wissen, dass der Franz in letzter Zeit düster gestimmt war und und angegriffen schien. Franz sänge uns, seinen Freunden und Freundinnen, am Hammerflügel sich begleitend, die schauerlichen Lieder vor, die er uns angekündigt hatte, alle vierundzwanzig, von Anfang bis zum Schluss, was wäre uns wohl durch den Kopf gegangen? Was hätten wir am Ende des Vortragens dem Franz gesagt - oder vor ihm verschwiegen? Wie verstört wären wir gewesen? Wie wortlos? Was hätte uns erschrocken? Hätten wir ihn an den Schultern gepackt und ihm gesagt, es wird schon wieder, Freund, wissend, dass dem nicht so ist? Wäre uns die Verzweiflung, in der der Franz steckt, bewusst geworden?
Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer

Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
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Helmut Hofmann

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332

Dienstag, 23. November 2010, 11:13

Auf die letzte Frage in Deinem Beitrag, lieber moderato, antworte ich mit Schubert (Tagebuchnotiz, März, Achtzehnhundertvierundzwanzig)):

"Keiner, der den Schmerz des Andern, und Keiner, der die Freude des Andern versteht."

Dieser Satz lässt tief in die Motive von Schuberts kompositorischem Schaffen blicken. Er arbeitete zu dieser Zeit gerade am Streichquartett d-Moll ("Der Tod und das Mädchen"). Es heißt ja nicht: "Keiner versteht meinen Schmerz ..."

moderato

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333

Montag, 20. Dezember 2010, 18:57

Franz Liszt hat sich Zeit seines Lebens über einen Zeitraum von 50 Jahren für das Genie Schuberts eingesetzt. Leslie Howard hat bei hyperion eine Gesamtaufnahme aller Solowerke für Klavier eingespielt. Darunter sind 9 CD's (!) mit Transkriptionen von Werken Schuberts, (Lieder und Tanzsätze).
Liszt hat 12 Lieder der Winterreise transkribiert (S 561). Sie sind 1839 verlegt worden, elf Jahre nach Schuberts Tod.
Fischer-Dieskau bemerkte "Es war Franz Liszt mit seinen vielgeschmähten Transkriptionen, der allein durch Klavierbearbeitungen sehr dazu beitrug, das deutsche Lied populär zu machen."

Aufschlussreich ist die Reihenfolge, welche Liszt gewählt hatte:

Gute Nacht, d-moll
Die Nebensonnen, B-Dur (bei Schubert A-Dur)
Mut, g-moll
Die Post, Es-Dur
Erstarrung, c-moll
Wasserflut, e-moll, (bei Schubert fis-moll)
Der Lindenbaum, E-Dur
Der Leiermann - (ohne Pause direkt ins nächste Lied übergehend)
Täuschung, a-moll
Das Wirtshaus, A-Dur
Der stürmische Morgen, F-Dur
Im Dorfe, d-moll/D-Dur/d-moll

Leslie Howard geht in seinem feinsinnigen Booklet-Text auf die geänderte Reihenfolge ein. Liszt erzählt uns in seiner Lesart eine andere Reise.
"...für jene, die den Liedzyklus gut kennen, wird es ziemlich überraschend sein, den Leiermann an irgendeiner Stelle als am Schluss zu finden, an dem die Desillusionierung des Dichters vollkommen ist. Aber Liszt erkennt hier eine Möglichkeit der Nebeneinanderstellung mit dem nächsten Lied und behandelt dieses als einfache Einleitung, in welcher er ohne Pause zur trügerischen, von Schubert und Liszt wunderbar eingefangenen Anziehungskraft der Täuschung weitergeht. Sie spiegelt dem Dichter kurz vor, dass ein freundliches Licht ihn aus seinem Umherirren in der Kälte in die Wärme und sogar zur Liebe geleiten werde."

Zum Schluss der Reihung nach Liszt:
"...und wenn er sich losreisst und zur Realität des Lebens und seiner Stürme zurückkehrt, so ist dies auch die Lösung, die seinen eigenen persönlichen Lebensweg betrifft."

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Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »moderato« (20. Dezember 2010, 20:24)


farinelli

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334

Dienstag, 21. Dezember 2010, 12:28

Der Leiermann

Die Frage, ob es nun ein Epilog in strengem Wortsinn sei oder nicht, scheint mir etwas müßig. Bei keinem anderen Lied (nicht einmal dem Nr.1) ist die Stelle so wenig disponierbar wie beim Schlußstück. Vieles, worauf im Thread hingewiesen wird - die Leere, die Hoffnungslosigkeit, die Resigantion usw. - ist motivisch dicht mit anderen Liedern des Zyklus verknüpft. Dennoch ist der Leiermann nicht eine weitere mögliche Station unter vielen (wie etwa das "Wirtshaus" oder der "Lindenbaum"), sondern in letzter Konsequenz eine äußerste, finale.
Die Leere ist ja eine schnee- und winteraffine Dimension; man könnte hier sehr weit ausholen, angefangen bei der weißen Landschaft als Tabula rasa, in die der Wanderer seinen Schmerz einschreibt, der sich darin so wenig dauerhaft bewahrt wie das gefrorne Bild im Herzen oder die Liebe in den eingeritzten Worten der Baumrinde. Das leere Kreisen der Wetterfahne im Wind, das Lauborakel am blätterlosen Baum, das ausgestorbene Dorf, der abweisende Friedhof, der ins Leere zeigende Weiser.

Musikalisch ist die suggestive Leere des Leiermanns in den leeren Quinten der jew. Schlußgruppen des "Frühlingstraums" vorbereitet; i.w.S. auch durch die basslose Spieluhrweise zu Beginn der ersten und dritten Strophe (und die darin vergleichbare "Krähe"), durch Quinten und die singsanghafte Melodieführung zu Beginn von "Einsamkeit" ("Wie eine trübe Wolke"), um nur die auffälligsten zu nennen.

"Ich bin zuende mit allen Träumen" heißt es am Schluß von "Im Dorfe" (und schon im ersten Lied ironisch: "Will dich im Traum nicht stören, wär schad um deine Ruh"). "Hinter Eis und Nacht und Graus" blinkt allenfalls eine sofort durchschaute Illusion oder Selbst-Suggestion; und daraus fällt auch ein Licht auf die Stelle des Leiermanns: "Drüben hinterm Dorfe".

Der Stillstand, die Kälte und Leere finden im "Leiermann" zuletzt einen hoch focussierten Ausdruck in einem symbolischen Träger so vieler Attribute, der dennoch ein hohes Maß an Unheimlichkeit bewahrt (sonst wäre er ein bloß allegorisches Konstrukt). Man kann hier an den Gevatter Tod als Spielmann denken; aber ist es nicht die unmenschliche, stylithafte Stoik, durch die dieser "wunderliche Alte" auch ergreift und erschreckt?

Ich halte dieses Lied für Schuberts größtes Bekenntnisstück innerhalb des Zyklus, vergleichbar bloß Schumann/Andersens "Spielmann" - denn nur hier tritt der Künstler als Musiker auf. Der von Helmut zitierte Tagebucheintrag Schuberts paßt mir da gut ins Konzept - die Musik beginnt nicht auf gut romantisch, wo die Worte aufhören, sondern begreift schon ihr intersubjuktives Scheitern, ihren Autismus mit ein: Musik als Verständigungsmittel läuft buchstäblich ins Nichts. - So weit ist dann lange kein Komponist mehr gegangen.

:hello:
Zerging in Dunst das heilge römsche Reich

- uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

zweiterbass

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335

Dienstag, 21. Dezember 2010, 21:47

Zyklus der Verzweiflung - Schuberts "Winterreise"

„Der Leiermann“ ist von Franz Schubert bewusst an den Schluss des Zyklus gesetzt. Epilog betrachte ich nicht als angebrachte Bezeichnung. Das zeigt die Partitur der Originalhandschrift. Die leeren Orgelpunkt-Quinten, welche den Klang der Drehleier imitieren, die die monoton wiederkehrende Begleitung zeichnen eine fahle, trübe Stimmung: Ermattung und Ergebung in ein unabänderliches Schicksal. Hier endet die Reise. Und an die Gestalt des Leiermanns richtet er die bange Frage: „Soll ich mit dir gehn?“


Hallo moderator,

ich habe meinen Beitrag zur Reihenfolge der Lieder "Müller/Schubert" am 23.11. aus Versehen in den Thread "Sprache und Musik im Lied" gestellt und dies erst jetzt bemerkt (ich vermute, dass ich damals durch den Crash verwirrt war? Ich habe diesen Thread hier auch erst heute in mein Abo gestellt.). Ich habe dort versucht darzustelllen, warum ich Schuberts Reihenfolge nachvollziehen kann.

Zu der von Dir zitierten Frage "Soll ich mit dir gehn?" habe ich am 23.11. geschrieben, ich zitiere mich:

"24. Leiermann: Der Leiermann steht außerhalb seiner menschlichen Umgebung, auch außerhalb deren Wahrnehmung und Mitgefühl, dem Leiermann ist es Einerlei, der Leiermann überlässt sich dem Lauf der Welt ------ er fühlt sich von dieser Figur angezogen, das ist seine Identität, soll er mit ihm gehen? und gibt sich selbst die Antwort, indem er den Leiermann fragt ob er seine Lieder (mit)spielt.

Für mich erübrigt sich die Diskussion über die Schubert'schen Veränderungen in der Reihenfolge der Lieder und die Funktion des Liedes Nr. 24 - ich sehe eine Gedankenkette, die bruchlos von Nr. 1 bis 24 geht und kann deshalb die Schubert'sche Reihenfolge nachvollziehen."


Ich verstehe den Text "Wunderlicher Alter - soll ich mir dir gehen"
als würde der "Winterreisende" ein Selbstgespräch führen und sich selber fragen, "Wunderlicher..." und gibt sich auch selbst die Anwort, ja ich will, "Willst zu meinen Liedern, deine Leier drehn?"

Viele Grüße
zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

Harald Kral

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336

Mittwoch, 29. Dezember 2010, 15:23

Winterreise D. 911 (für Gesang & Drehleier)

Ungewöhnlich besetzt:

Franz Schuberts Liederzyklus Die Winterreise:

Nataša Mirkovic’-De Ro wird von Matthias Loibner auf der Drehleier begleitet!

Das zu Schuberts Zeit durchaus alltägliche Instrument drängt sich besonders durch das letzte Lied “Der Leiermann”, für eine Einspielung auf, die dem Ausdruck der Musik besondere Intensität verleiht



Hörproben gibt es bei jpc

LG
Harald

Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
(Vinícius de Moraes)

Helmut Hofmann

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337

Mittwoch, 29. Dezember 2010, 17:39

Lieber Harald,

nicht böse sein! Aber meine Meinung zu derartigen Spielereien, die eigentlich Verunstaltungen eines musikalischen Werkes sind, habe ich schon mehrfach geäußert. Sie bestätigt sich jetzt wieder. Ich habe "hineingehört". Und was hörte ich: Ein kurioses Gedudel, das die Singstimme umspielt und in einen schräg kratzigen Sound einhüllt. Das, was die Winterreise ausmacht, nämlich das komplexe Zusammenspiel von Singstimme und Klavier, ist verlorengegangen.

Interessant übrigens, dass selbst beim "Leiermann" dieser Verlust zu hören ist. Die Leere der Quinten ist beim Klavier viel erschreckender und eindringlicher, vor allem, wenn sie im vierten und fünften Takt des Vorspiels in einem Akkord ins Stocken geraten. In dieser Aufnahme höre ich da einen nörgelnden Dauerton mit eingelagerten Kratzgeräuschen und absolut kein Stocken.

Man kann hier sehr schön hörend erleben, was das Wesen von Kunst ausmacht. Sie bildet keine Realität ab, wie hier den Ton der Drehleier mit dem Klavier, sondern sie macht eine Aussage über reales Leben. Und die kann in ihrer Wahrhaftigkeit ungleich stärker betroffen machen, als es die reale Begegnung mit einem Bettler könnte, den man die Drehleier spielen hört.

Nebenbei: Die Drehleier war zu Schuberts Zeiten schon lange kein "alltägliches Instrument" mehr. Sie kam im 12. Jahrhundert auf und wurde zum typischen Instrument der Bettler und Blinden. Im 17. Jahrhundert erlebte sie in Frankreich noch einmal eine kurze modische Blüte in den Salons, und zwar mit der Pflege der "Schäferkultur". Mit der französischen Revolution kam dann das Ende dieser Mode.

zweiterbass

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338

Mittwoch, 29. Dezember 2010, 20:20

Zyklus der Verzweiflung Schuberts "Winterreise" für Drehleier + Gesang

Hörproben gibt es bei jpc


Hallo Harald,

Hörproben absolviert -ist ja ein bemerkenswertes Klangexperiment.

Bei weiteren solch innovativen Ideen stehen uns ja noch epochale Klangereignisse bevor:

"An eine Äolsharfe" auf eben dieser, Gleiches für "An die Laute/Leier" oder
"An die Harmonie" auf dem Harmonium oder
Das Orgelwerk von C. Franck auf der Hammond Orgel


Hoffentlich verstehst Du ein wenig Spaß?!

Herzliche Grüße
zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

Helmut Hofmann

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339

Freitag, 31. Dezember 2010, 11:04

Weil man sich´s ja nicht so leicht machen sollte, habe ich mir die von Harald Kral hier vorgestellte Aufnahme der Winterreise noch einmal in allen verfügbaren Hörproben angehört. Ich bleibe bei meinem Urteil: Das ist Unfug! Anderes kann man dazu gar nicht sagen.

Ein Beispiel: Bei "Gute Nacht" spielt die Klavierbegleitung eine ganz wichtige Rolle. Der Zweiviertakt mit den pentrant pochenden Achteln im Bass und den Sechzehnteln, die den Takt nochmals unterteilen, erzeugt den Eindruck einer fast schon gnadenlosen Mechanik, die den Wanderer vorantreibt, ob er will oder nicht. Bei dieser Aufnahme ist davon nichts zu hören. Der nölende Drehleierton als ostinater Klang-Background, der offensichtlich auch nicht alle Tonarten des Liedes berücksichtigen kann, lässt die Stimme der Sopranistin ungewollt frisch und frohgemut erklingen. Man hat den Eindruck, dass sie unverdrossen ein Wanderlied ins Leere singt.

Wenn man schon über Neuaufnahmen der Winterreise hier reden möchte, dann sollte man sich einmal die Interpretation von Werner Güra (Klavier: Christoph Berner) vornehmen, die im März 2010 bei Harmonia Mundi erschienen ist. Hier ist ein bemerkenswerter Sachverhalt zu hören: Eine überaus starker deklamatorischer Akzent. Diese Interpretation lebt ganz von der lyrischen Sprache her, die in subtiler Form artikuliert und interpretiert wird. Man höre sich mal an, wie der Sänger in Lied 15 die Krähe anspricht.

Ob das eine gute Interpretation ist, mag ich nicht entscheiden. Auf jeden Fall ist sie aber ernst zu nehmen, ganz im Gegensatz zur "Drehleier-Winterreise". Mir ist Werner Güra aber ein wenig zu munter in seiner sängerischen Grundhaltung. Er scheint das "Bin matt zum Niedersinken" nicht ganz so ernst genommen zu haben.

moderato

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340

Samstag, 1. Januar 2011, 15:47

Die erwähnte Aufnahme von Franz Schuberts Liederzyklus Winterreise (Nataša Mirkovic’-De Ro Sopran, Matthias Loibner, Drehleier) hat in meiner Einschätzung durchaus ihre Berechtigung. Ich habe Respekt vor der Leistung der Musiker.
Das Mechanische und Schnarrende der Begleitung legt bei manchem Lied neue Seiten frei, die mir nicht bewusst waren. Die Sängerin setzt Pausen, die durchaus Sinn machen. Auf der Drehleier können nicht alle Töne der Originalpartitur gespielt werden können, weil das Instrument in seinem Tonumfang beschränkt ist und die Spielweise nicht mehr Töne zulässt. Die Interpreten mussten sich beschränken. Es ist das Skelett der Harmonie aber durchaus die tragende Substanz der Harmonie vorhanden. Die Singstimme der Interpretin hat etwas Ungekünsteltes und etwas Direktes, was mir gefällt. Dass dir, lieber Helmut Hoffmann, das Frische und das Wohlgemute nicht gefällt, kann ich verstehen. Ich bin der Meinung, dass eines der grössten Kunstwerke diese Interpretation und Bearbeitung erträgt. Die von dir erwähnte Aufnahme mit Werner Güra ist eine meiner Lieblingsaufnahmen des Zyklus "Winterreise"und dies ebenfalls aus den von dir genannten Vorzügen. Mich wundert auch, dass diese Aufnahme bis anhin nicht erwähnt wurde.


Wer einen Vergleich mit den Aufnahmen mit Klavierbegleitung anstellt, wird dieser Interpretation nicht gerecht, schlicht weil sich Äpfel nicht mit Birnen vergleichen lassen.


Um sich eine Meinung bilden zu können und den Interpreten gerecht zu werden, sollte man die CD sich beschaffen und nicht nach dem Anhören einiger kurzer Schnipsel, die im internet verfügbar sind, urteilen wollen.
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Helmut Hofmann

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341

Samstag, 1. Januar 2011, 16:56

Zitat moderato 1:

"Um sich eine Meinung bilden zu können und den Interpreten gerecht zu werden, sollte man die CD sich beschaffen und nicht nach dem Anhören einiger kurzer Schnipsel, die im internet verfügbar sind, urteilen wollen."

Hierzu: Ich muss ein Ei nicht aufessen, um zu merken, dass es faul ist. Im übrigen wurde am konkreten Beispiel von "Gute Nacht" argumentiert. Es genügen 25 Takte, um zu hören, dass der Geist dieses Liedes nicht getroffen wurde , - mit diesen Mitteln nicht getroffen werden kann! Und letzteres ist der entscheidende Punkt. Wenn ein Instrument aus Gründen seiner technischen Grenzen noch nicht einmal in der Lage ist, alle Töne des Klavierparts wiederzugeben - vom spezifischen Klang und der Intonation ganz zu schweigen - dann sollte man es für die Interpretation der Winterreise nicht benutzen. Der einfache Grund: RESPEKT VOR DEM WERK!

Zitat moderato 2:

"Wer einen Vergleich mit den Aufnahmen mit Klavierbegleitung anstellt, wird dieser Interpretation nicht gerecht, schlicht weil sich Äpfel nicht mit Birnen vergleichen lassen."

Hierzu: Es ging hier nicht um einen Vergleich zweier Aufnahmen, sondern um die Frage, ob die Aufnahme mit Drehleier-Begleitung dem Werk selbst gerecht wird.

Das Argument: "...dass eines der grössten Kunstwerke diese Interpretation und Bearbeitung erträgt" will mir nicht so recht einleuchten.

Meine Frage: Warum muss es das denn eigentlich ertragen? Ein solches interpretatorisches Experiment hätte doch nur Sinn, wenn es neue Seiten des musikalischen Kunstwerks erschlösse. Welche sind das denn?

farinelli

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342

Samstag, 1. Januar 2011, 17:16

koloriert oder gestochen?

Und doch, lieber Helmut, dem ich hier stellvertretend gleich mal ein Frohes Neues Jahr wünsche, gibt es ein Aufnahme der Winterreise mit Max van Egmont, begleitet auf dem Fortepiano, also einem historischen Instrument, dessen klangliche Möglichkeiten so sehr von denen des modernen Konzertflügels abweichen, daß man staunt. - Zumal der Leiermann ist mir erinnerlich (ein Freund hat mir das einmal vorgespielt) - man würde zum mindesten an ein à la Cage "präpariertes" Instrument glauben, das in seiner schnarrenden und dudelnden Drastik die moderne, stilisierte Version etwas blaß aussehen läßt. Vielleicht sind ja unsere Hörgewohnheiten auch ein wenig daran schuld, daß wir, gleichsam farbenblind, nur noch die Steinway-Palette erkennen.

:hello:
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Helmut Hofmann

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343

Dienstag, 4. Januar 2011, 16:36

Lieber moderato,

vielleicht war, wenn ich so zurückblicke, meine Reaktion auf Deinen letzten Beitrag etwas zu harsch. Selbstverständlich respektiere ich Deine Meinung über diese Drehleier-Fassung der Winterreise. Die Heftigkeit meiner Reaktion erklärt sich daraus, dass ich schon so viele Experimente dieser Art gerade mit der Winterreise erlebt habe und nach wie vor der Meinung bin, dass man das Werk so lassen sollte, wie Schubert es geschrieben hat.

Ein Interpret, der sich sich aufs Neue heranwagt, wird in diesem Meisterwerk von unerschöpflicher Tiefe mit Sicherheit neue Seiten entdecken. Fischer-Dieskau bekannte, dass er aus genau diesem Grund das Werk immer wieder interpretatorisch angehen musste (!).

Die Drehleier scheint mir nun wirklich das denkbar schlechteste Begleitinstrument zu sein. Etwas anderes ist es, wenn man, wovon farinelli berichtet hat, den Flügel durch ein Fortepiano ersetzt, denn mit dem kann man den Klavierpart spielen, wenn auch nicht mit der klanglichen Feinheit und Differenziertheit, zu der etwa ein Alfred Brendel auf dem Steinway in der Lage war.

Ich hoffe sehr und wünsche mir, von Dir alsbald hier zum Thema Winterreise wieder etwas lesen zu können. Vielleicht sollte man ja mal, nachdem der "Leiermann" etwas intensiver in Augenschein genommen wurde, sich dem ersten Lied der Winterreise zuwenden. Das hat es nämlich auch in sich!

moderato

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344

Dienstag, 11. Januar 2011, 04:56

Welches Begleitinstrument dem Zyklus gerecht wird - eine Diskussion, die im Falle der Drehleier zwingend zu Gunsten des Pianofortes bzw. Konzertflügels ausfallen muss: einfach weil nicht alle Töne auf der Drehleier gespielt werden können. Dennoch finde ich es legitim, eine Fassung mit dem Drehleierinstrument vorzulegen. Die Reduktion lässt manches weg, muss es weglassen, legt aber wohl anderes frei. Das karge Klangbild, das dabei entsteht, gefällt mir. Das ist eine subjektive Wahrnehmung. Es mag auch Voreingenommenheit mitschwingen, denn ich spiele die Drehleier selber und staune über die Technik des Drehleierspielers und wie er sein Instrument beherrscht.

Erstaunt hat mich, dass eine Frau den Zyklus singt, was bisher niemanden gestört hat. Es gibt Sängerinnen, die sich geziert haben, die Lieder zu singen, weil sie es nicht passend fanden den Text eines männlichen Protagonisten vorzutragen. Ich mag mich an eine entsprechende Aussage von Gundula Janowitz erinnern. Brigitte Fassbänder hat den Mut gefasst und eine Interpretation vorgelegt. Inzwischen haben sich die Interpretinnen emanzipiert und treten selbstbewusst vor das Publikum.

Es wurde darauf hingewiesen, dass es wenige Aufnahmen mit einem Begleitinstrument aus der Zeit Schuberts auf dem CD-Markt gibt. Eine Aufnahme mit einem Instrument Pianoforte ist soeben herausgekommen. Die Interpreten sind Thomas Bauer, Bariton und Jos van Immerseel, Pianoforte.



Ich bin gespannt, wie die Interpretation ausfällt und ob das besondere Klangbild mir zusagen wird.


Danke farinelli für den Hinweis der Aufnahme von Max von Egmont mit dem Fortepiano bzw. Pianoforte. Ich mag mich an die dreiteilige Schubert Verfilmung von Fritz Lehner "Mit meinen heissen Tränen", mit Udo Samel als Schubert aus dem Jahr 1986 erinnern. Der Film war umstritten, weil er kein süssliches Schubertklischee bediente sondern einen dicklichen, geschlechtskranken, einsamen Mann zeigte. (Unter dem Titel "Notturno" heute als DVD auf Amazon erhältlich). Im dritten Teil begleitet sich der die Winterreise singende Schubert zum dünnen Klang des Pianofortes. /Schreibt man hier ein Genitiv S?/

Vergangenen Sommer habe ich die Winterreise von einem Tenor gesungen mit Pianoforte Begleitung gehört. Es war eine Freiluftaufführung, bei der es zu regnen begann. Geschützt unter der Plane sang der Sänger tapfer gegen den prasselnden Regen an. Diese Aufführung zählt zu meinen eindrücklichsten musikalischen Erfahrungen der letzten Zeit.

Zum ersten Lied "Gute Nacht", lieber Helmut Hoffmann, werde ich eine Analyse des Textes und der Vertonung Schuberts ins Taminoforum stellen.

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Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »moderato« (11. Januar 2011, 06:04)


wenzeslaus

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345

Dienstag, 11. Januar 2011, 19:58

Als ich fand die Hörbesispiele mit der Drehleier doch sehr spannend und hab die CD in meinen Einkaufswagen gelegt. Ich werde gelegentlich von meinen eindrücken berichten. Ist aber auch die 4. Fassung, die ich dann habe.
Gruß Wenzeslaus :hello:

9079wolfgang

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Dienstag, 11. Januar 2011, 21:51

Guten Abend!

Ich habe mir erst gestern die "Winterreise" mit dem Tenor Werner Güra angehört. Ein junger, aufstrebender Tenor mit großer Zukunft. Er artikuliert sehr sauber und seine schöne, hohe Stimme erinnert mich etwas an Werner Krenn. Besser kann man als Tenor die "Winterreise" kaum singen. Zu den Liedern paßt für mich am Besten ein Klavier oder Flügel, keine Drehleier. Und Christoph Berner ist hier der ideale Begleiter. Eine empfehlenswerte Aufnahme.



Gruß Wolfgang
W.S.

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Mittwoch, 12. Januar 2011, 05:08

Ich verfolge die Karriere von Werner Güra seit Jahren, als er noch nicht bekannt war. Das Timbre seiner Stimme ist mir im Konzert aufgefallen und es freut mich dass er mit Beharrlichkeit sich etablieren konnte.
Er ist 1964 geboren. Meine älteste Aufnahme in meinem CD-Regal stammt aus dem Jahr 1999, mittlerweile ist die Sammlung auf zehn Aufnahmen mit seiner Stimme angewachsen. Vorallem schätze ich seinen Umgang von Sprache und Gesang im Liedvortrag. Der Tenor hat alle Schubert Liedzyklen bei Harmonia mundi eingespielt, die zu meinen liebsten Schubert Einspielungen zählen. Ich kann sie alle empfehlen. Christoph Berner ist sein langjähriger Liedbegleiter. Man spürt, dass die beiden im gemeinsamen Vortrag und Erarbeiten der Stücke gewachsen sind. Güra arbeitet mit Harnoncourt zusammen. In Zürich hat er einen Lehrauftrag an der Hochschule für Musik, der ihm wichtig ist.
Ich denke aus diesen Fakten lässt sich sagen, dass Werner Güra ist ein etablierter Sänger ist, der mit viel Verstand an seiner Karriere gearbeitet hat und seinen Weg geht.
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Helmut Hofmann

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Donnerstag, 13. Januar 2011, 16:28

Zitat moderato:

"Erstaunt hat mich, dass eine Frau den Zyklus singt, was bisher niemanden gestört hat"

Ich darf auf eine Diskussion, dieses Thema betreffend, im inzwischen geschlossenen Thread "15 Jahre Winterreise und Schöne Müllerin" hinweisen (Oktober 2010) und erlaube mir, aus meiner Antwort auf einen Beitrag von Mme Cortese zu zitieren:

"Du sagst: "Liebesschmerz und Verzweiflung sind .. keine ausschließliche Männerdomäne". Völlig richtig! Du übersiehst dabei aber einen wichtigen Sachverhalt, nämlich das Wie des Durchleidens. Ich mag nicht auf dem allerneuesten Stand der Gender-Philosophie sein, aber ich behaupte: Es gibt einen geschlechtsspezifischen Unterschied im Durchleiden und in der Verarbeitung von Liebesschmerz und daraus resultierender Verzweiflung. Aber selbst wenn es den heute nicht mehr in so eindeutiger Aussprägung geben sollte, - zu Zeiten Wilhelm Müllers und Schuberts war dieser Unterschied unübersehbar. Die Literatur dieser Zeit und alle uns heute zur Verfügung stehenden Quellen sind diesbezüglich eindeutig.

Würdest Du mir bitte einen Gefallen tun und Dir mal das Lied "Die Wetterfahne" aufmerksam unter diesem Aspekt anhören? Dieser Blick auf das Haus, in dem die Geliebte wohnt, von der man verstoßen wurde, ist eindeutig der eines Mannes. Keine Frau - eine damalige ganz bestimmt nicht! - hätte beim Blick auf ein Haus, in dem der ehemalige Geliebte zu Hause ist, einen seelischen Prozess durchlitten, wie er hier geschildert wird. Sie hätte mindestens genauso große Qualen ausgestanden, aber nicht die Assoziation von Wetterfahne mit weiblicher Wetterwendischkeit erlebt. Von der Art, wie die Rolle des Mannes im Haus verstanden wird, einmal abgesehen."


Die Hochschätzung von Werner Güra, die hier artikuliert wurde, kann ich nachvollziehen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob er in seiner Interpretation der Winterreise nicht zuweilen ein wenig zu expressiv wird, - bei seinem Bestreben, sängerisch sehr stark vom Wort auszugehen. Ohne Frage ist er aber einer der bedeutenden Interpreten dieses Werks!

moderato

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Freitag, 14. Januar 2011, 14:49

Lieber Helmut Hoffmann

Müllers Text ist aus der Sicht eines Mannes geschrieben, da gibt es genügend Indizien dazu; in "Gute Nacht" erzählt der Protagonist in der ersten Strophe: Das Mädchen sprach von Liebe, Die Mutter gar von Eh'.- und er ruft ihr zu: Fein Liebchen, Gute Nacht! Der Text ist hier eindeutig. Die Wetterfahne ist auf dem schönen Liebchens Haus. Die webliche Sicht kann es deshalb nicht sein.

Es bleibt dennoch die Frage, ist es den Frauen verwehrt den Zyklus zu singen?
Fischer-Dieskau hat Gretchen am Spinnrade op. 2 D 118 nicht eingespielt. Oder täusche ich mich da? In der Gesamtaufnahme der Lieder, die er für Deutsche Grammophon aufgenommen hatte, ist dieses Lied nicht enthalten, soweit ich mich erinnern kann. Ich denke, der Sänger oder die Sängerin soll entscheiden, ob er ein Lied, das eine weibliche oder eine männliche Figur ins Zentrum stellt, singen soll. Das ist eine Frage des Geschmacks.

Zur Zeit türmen sich die Winterreise-Neuaufnahmen nehmen meinem Player und ich bin hörend mit den Interpretationen beschäftigt. Hier die zuletzt eingetroffene "Winterreise"mit Peter Harvey, Bariton und Gary Cooper, piano (Nachbau eines Pianoforte aus dem Jahr 1823). Label Linn, SACD-Aufnahme



Die Analyse von "Gute Reise" habe ich im Entwurf verfasst und wird folgen.

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Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
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Helmut Hofmann

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Freitag, 14. Januar 2011, 16:12

Lieber moderato, Du sagst:

"Müllers Text ist aus der Sicht eines Mannes geschrieben, da gibt es genügend Indizien dazu;"

Das war ja meine These, die ich damals vertrat, als es um eine Aufnahme mit Mitsuko Shirai ging. Ich meinte, eine Frau könne durchaus die Winterreise singen, nur, - was würde es bringen? Mal abgesehen davon, dass es vom Textinhalt der Gedichte Müllers her gewisse "Störfaktoren" gibt.

Nein, Fischer-Dieskau hat "Gretchen am Spinnrade" nicht gesungen. Er war in vielen Dingen ein Purist ( einer der Gründe, warum ich ihn so sehr schätze!). Er hat kein einziges der typischen "Frauenlieder" im gesamten Liedrepertoire gesungen. Wenn man ihm vorgeschlagen hätte, die Winterreise zur Drehleier zu singen, hätte er den Raum wortlos verlassen. Da bin ich mir sicher!

Dieser "künstlerische Purismus" - das fällt mir eben nachträglich ein - hatte bei ihm übrigens eine kuriose Folge: In seinen "Texten deutscher Lieder" sind die "Frauenlieder" nicht genügend berücksichtigt.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Helmut Hofmann« (14. Januar 2011, 17:24)


moderato

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Freitag, 14. Januar 2011, 18:05

Lieber Helmut Hoffmann

Ob Begleitung mit oder ohne Drehleier, hier werden wir keinen Konsens finden. Die Beschränkung des Instrumentes habe ich beschrieben und mein Verständnis für eine solche Interpretation auch.

In meiner Sammlung sind zwei CD-Scheiben, bei denen die Begleitung nicht ein moderner Konzertflügel oder ein Nachbau eines historischen Pianoforte aus Schuberts Zeit ist.

Wie ist es, wenn die Tenorstimme von einem Streichquartett begleitet wird? Diese Aufnahme mit Christian Elsner und dem Henschel Quartett des Labels cpo verrät es uns:



Bei der "Winterreise"-Aufnahme mit dem amerikanischen Tenor Scot Weir und dem deutschen Folkwang-Gitarrenduo, die 1995 beim Label Signum erschien, schätze ich den silbernen Klang der Gitarrenbegleitung. Die beiden Instrumentalisten spielen die Begleitung in der Originaltonart und kein Ton der Klavierbegleitung geht verloren, da neben den klassischen sechssaitigen Gitarren noch zwei elfsaitige Altgitarren zum Einsatz kommen. Im Booklet steht:

"Die Begleitung von Schuberts Winterreise bietet gute Möglichkeiten, um sie für die Gitarre einzurichten. Sie deutet Wilhelm Müllers Texte und fordert eine differenzierte Tongestaltung und Klangkultur, wobei die Gitarre in ihrer Klangwelt noch intimer ist als das Klavier. Das Sehnsuchtsvolle und die vielfältigen Farben der Gitarre ermöglichen es, neue Ansätze einer Interpretation zu finden. Mit seiner Fragilität und Zartheit bis hin zum extremen Pianissimo kann dieses Instrument den Zuhörer einladen Altbekanntes neu zu betrachten."

Schubert spielte wohl selbst dieses Instrument. Wenn mein Gedächtnis nicht trügt, gibt es eine Zeichnung von Moritz von Schwind, das Schuberts Zimmer mit einer Gitarre an der Wand zeigt.

Der Reiz einer solchen Aufnahme ist für mich, die liebgewonnenen Hörgewohnheiten zu verlassen und damit einen neuen Zugang zu finden. Bei viel gehörten Einspielungen kenne ich jeden Schnauf des Sängers und jedes längere Verweilen und Betonen einer gewissen Note durch den Pianisten.

Die Interpretationsgeschichte hat manche Perle aufzuweisen und es werden in Zukunft weitere dazukommen.

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Helmut Hofmann

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Freitag, 14. Januar 2011, 21:41

Monolog

Ich lese (Zitat moderato):

"Ob Begleitung mit oder ohne Drehleier, hier werden wir keinen Konsens finden."

.......und denke:

Das nehme ich zur Kenntnis, erschrecke kurz über den definitiven Ton, fühle mich in meinem Argument, dass es ein Unding ist, die Winterreise ohne das obligate und als Kontrahent, Mitspieler und Interpret der Singstimme unverzichtbare Klavier zu hören, abgehakt und zu den Akten gelegt - und resigniere.

"Keinen Konsens". Schade eigentlich!

Dabei wäre es so schön, über die faszinierende musikalische Faktur dieser Lieder zu reden, über die Tatsache zum Beispiel, dass in GUTE NACHT das Klavier einfach so fortläuft und den einsamen Wanderer zurücklässt, der erst nachträglich mit seinem Singen einsetzt, als brauchte er dazu einen ganz besonderen Entschluss, weil ihn die Müdigkeit und die Resignation so schwer belasten. Über die Tatsache auch, dass in der Winterreise der Klavierpart, mehr als in der "Schönen Müllerin", mit der Singstimme verschmolzen ist, häufig aus ihr hervorgeht, sie manchmal sogar verdoppelt und in Vorspielen vorwegnimmt. Dass dies zur Folge hat, dass die Singstimme einen deutlich ausgeprägteren instrumentalen Gestus hat als in der Müllerin ...

Muss ich, um so etwas zu hören und über die Genialität des Liedkomponisten Schubert zu staunen, eigentlich immer neue Aufnahmen der Winterreise konsumieren und die CDs anschließend im Regal stapeln? Genügt nicht eine, die wirklich gut ist? Davon gibt´s doch jede Menge!

Aber wovon rede ich? Und zu wem?

zweiterbass

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Freitag, 14. Januar 2011, 22:46

Zyklus...Schuberts "Winterreise"

Bei der "Winterreise"-Aufnahme mit dem amerikanischen Tenor Scot Weir und dem deutschen Folkwang-Gitarrenduo, die 1995 beim Label Signum erschien, schätze ich den silbernen Klang der Gitarrenbegleitung. Die beiden Instrumentalisten spielen die Begleitung in der Originaltonart und kein Ton der Klavierbegleitung geht verloren, da neben den klassischen sechssaitigen Gitarren noch zwei elfsaitige Altgitarren zum Einsatz kommen.


Hallo moderato,

bei dem Experiment mit Streichquartett genügen mir die Klang-Schnipsel bei JPC um für mich festzustellen - passt nicht.

Die CD mit dem Folkwang-Gitarrenduo ist auf meinem Merkzettel bei JPC - das will ich mir genauer anhören, bevor ich mir eine Meinung bilde - ich komme darauf zurück.

Viele Grüße
zweiterbass

Nachsatz: Bislang genügte mir FiDi mit Moore (1972) - ich denke nicht, dass die Gitarren-Bearbeitung daran etwas ändert, aber den Klang möchte ich gerne hören, nicht nur Schnipsel.
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

moderato

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Montag, 17. Januar 2011, 21:38

Thomas Bauer hat eine zweite Einspielung des Zyklus "Winterreise" vorgelegt.

Die erste ist während eines besonderen Projektes entstanden, als der Bariton mit dem Pianisten und einem Kamerateam Sibirien bereiste und die "Winterreise" an verschiedenen Orten aufführte. Die Dokumentation von Klaus Voswinckels wird ab und zu in den dritten Fernsehprogrammen gesendet. Der Flügel, der in dieser Aufnahme benutzt wurde, hat einen besonderen Klang, der mir vorher noch nie begegnet ist.



Die zweite Aufnahme hat ebenfalls ein besonderes Instrument: ein Pianoforte Nachbau von Christopher Clarke aus dem Jahr 1988. Leider fehlen im Booklet nähere Angaben zum Instrument. Jos van Immerseel begleitet den Sänger einfühlsam. Man hört, dass er mit dem Instrument aufs Engste vertraut ist. Der Klang des Instrumentes ist im Vergleich zu einem modernen Flügel hell und durchsichtig, obertonreich. Die Stimme wird nicht zugedeckt, kann sie wohl auch nicht aufgrund der Bauweise des Instrumentes. Dieser intime Klang kommt den Liedern sehr zu gute.



Thomas Bauer steht eine grosse Palette von Farben der Stimme zur Verfügung. Besonders gefallen haben mir seine Interpretationen von "Das Wirtshaus" und "Die Nebensonnen". Brüchiges steht neben Auftrumpfendem, bewusstes Zurücknehmen der Stimme und dennoch ist eine innere Spannung immer spürbar. Bauer hat grosse deklamatorische Fähigkeiten. Die Textverständlichkeit ist gegeben. Eine gewisse Theatralik weiss er gekonnt einzusetzen.

Im von Thomas Bauer verfassten Booklet-Text steht einmal nicht die Komposition Schuberts sondern der Verfasser der Texte, Wilhelm Müller, im Zentrum. Er nimmt Bezug auf die Müller-Biografie von Erika von Borries. (Wilhelm Müller. Der Dichter der Winterreise, C. H. Beck, 2007)
Müller durchlebte 1814 eine Lebenskrise, deren Auslöser eine unglückliche Liebe war. Bauer schreibt: In der "Winterreise" hat er (Müller) den ganzen Schmerz über diese verlorene Liebe in die angemessene Form überführt."

Da es wenige Aufnahmen mit historischen Instrumenten gibt, ist diese Interpretation als ein wichtiger Beitrag zu werten. Die gesanglichen Qualitäten des Baritons überzeugen mich.


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moderato

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Montag, 17. Januar 2011, 22:20

Lieber Helmut Hoffmann

Verzeih, wenn ich verspätet auf deine Bemerkung reagiere. Du bedauerst, dass kein Konsens in der Frage möglich ist, ob eine Drehleier-Begleitung dem Werk gerecht wird. Ich hatte die Begrenzung des Instrumentes beschrieben und meine Meinung ausführlich dargelegt. Es gibt in einer Diskussion den Punkt, wo alle Argumente ausgetauscht sind. Meinerseits kann ich dies so stehen lassen, denn ich achte die Ansichten eines Diskussionsteilnehmers. Ich bin wohl toleranter als du, wenn es um neue Interpretationsansätze geht. Da wird eine gewisse Lebenserfahrung deinerseits mitschwingen, die dich veranlasst, Experimenten gegenüber zurückhaltend zu sein.

Zu anderen Begleitmöglichkeiten hatte ich zwei weitere Beispiele erwähnt. (Streichquartett, Gitarrenduo) Die Originale Klavier-Begleitung Schuberts anerkenne ich ausdrücklich.

Für Sänger ist der Zyklus „Winterreise“ ein Prüfstein und bildet für sie eine besondere Herausforderung. In einem Beitrag in diesem Forum wurden 467 Aufnahmen erwähnt, die in der Vergangenheit auf Tonträger erschienen. In der Zwischenzeit sind noch einige weitere Aufnahmen hinzugekommen und es werden, darauf verwette ich mein letztes Hemd, in Zukunft neue entstehen. Einzelne Sänger haben „Winterreise“ mehrfach eingespielt. Von Fischer-Dieskau sind Interpretationen von Beginn seiner Karriere bis zu ihrem Ende dokumentiert. Wir Zuhörer dürfen dankbar sein, dass wir Zeugen dieser Aufführungen sein dürfen und die Dokumente in Form von CDs erwerben können. Für einen Liederabend mit dem Zyklus „Winterreise“ lasse ich alles liegen. Es gibt wenige Werke, die ich in verschiedenen Aufnahmen sammle. Von Schubert, der für mich ein besonderer Leitstern ist, sind dies: „Winterreise“, das Streichquartett d-moll „Der Tod und das Mädchen“oder die „Grosse“ C-dur Sinfonie oder die „Unvollendete“. Beim Streichquintett oder dem Oktett werde ich auch schwach. Ich bin immer wieder gespannt, eine neue Interpretation in Händen zu halten, weil ich neugierig bin, wie heute ein bestimmtes Werk gesehen wird. Von gewissen Aufnahmen kenne ich jeden hörbaren „Schnauf“ des Sängers oder Betonung des Pianisten. Die Abwechslung macht das Leben spannend. Daher finde ich es legitim, mehrere Aufnahmen eines Werkes im Regal zu haben.


Meine Analyse von „Gute Nacht“ liegt im Bleistift-Entwurf vor. Ich möchte sie aber vorerst noch ruhen lassen. Einmal ins Internet gestellt ist ein Artikel nicht mehr zurückzunehmen.
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Helmut Hofmann

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Montag, 17. Januar 2011, 22:31

Eine Bitte, dringlich

Sind wir jetzt wieder auf dem üblichen Trail - oder Level oder wie immer man will - gelandet? Wir reden wieder einmal nur noch über Aufnahmen eines musikalischen Werkes und nicht mehr über dieses selbst.

Warum denn nur, um alles in der Welt ????

In meiner Not - oder auch Verzweiflung oder Resignation wie immer man will - bringe ich folgenden Gedanken in eine werkbezogene Diskussion ein, hoffend, dass sich einer oder eine darauf einlassen möge. Meine Hoffnung ist, dass man auf diese Weise von den Schuberts mit der Drehleier oder auch jenen in Sibirien herunter- und loskommt.

Der Leiermann stellt die Frage:

"Soll ich mit dir gehn? Willst zu meinen Liedern deine Leier drehn?" Schubert hat diese Frage auf eine erschreckende Weise musikalisch konterkariert. Noch bevor diese Frage von dem Wanderer überhaupt gestellt werden kann, dreht der Leiermann seine Leier schon. Warum also überhaupt diese Frage?

Weil sie völlig sinnlos ist. Sie ist in den Ton eines mechanisch funktionierenden Instruments hineingesprochen. Das spielt und spielt und die verzweifelte Frage eines Verlorenenen überhaupt nicht zur Kenntnis nimmt.

Aber es gibt eine Antwort. Und Schubert hat sie komponiert. Sie findet sich im ersten Lied dieses Zyklus. Und das ist ein Sachverhalt, der die Frage aufwirft, ob Schubert vielleicht sein erstes Lied später noch einmal neu gefasst hat, - nachdem der zweite Teil der Winterreise fertig war. Es gibt einen Musikwissenschaftler, der diese These vertritt: Elmar Budde.

Ich deute mal an, worum es geht:

Die beiden letzten Töne des Sängers im "LEIERMANN" sind ein g und ein fis. Das ist eine kleine Sekunde. Mit einer solchen kleinen Sekunde beginnt auch das Lied "GUTE NACHT. Könnte es sein, dass Schubert einen Liederzyklus komponiert hat, bei dem die Antwort auf die Frage des Wanderers am Ende am Anfang schon feststand?

Dann wäre dieser Zyklus ein Werk, für das der Begriff "Verzweiflung", wie er im Thread hier vorkommt, noch harmlos wäre. Die Aussage dieses Zyklus liefe auf trostlose HOFFNUNGSLOSIGKEIT hinaus.

Könnten wir darüber mal diskutieren, statt über ... Ich erspare mir eine Qualifikation.

Helmut Hofmann

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Montag, 17. Januar 2011, 22:36

Auwei!

Eben ist mal wieder der Fall eingetreten, dass zwei Beiträge sich überschnitten haben. Ich habe meinen letzten auf der Grundlage des Beitrages von moderato von 21.38 Uhr verfasst. Und als ich ihn eingegeben hatte, sehe ich, dass moderato einen neuen inzwischen eingegeben hat. Ich bitte um Verständnis!

zweiterbass

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358

Montag, 17. Januar 2011, 23:12

Schuberts Winterreise

Lieber Helmut,
auszugsweise die Liedtexte zu meinen nachstehenden Zitaten/Beiträgen:

"Drüben hinterm Dorfe
steht ein Leiermann...

...Keiner mag ihn hören
keiner sieht ihn an...

...Und er läßt es gehen
alles, wie es will..."

24. Leiermann: Der Leiermann steht außerhalb seiner menschlichen Umgebung, auch außerhalb deren Wahrnehmung und Mitgefühl, dem Leiermann ist es Einerlei, der Leiermann überlässt sich dem Lauf der Welt ------ er fühlt sich von dieser Figur angezogen, das ist seine Identität, soll er mit ihm gehen? und gibt sich selbst die Antwort, indem er den Leiermann fragt ob er seine Lieder (mit)spielt.


"Wunderlicher Alter
soll ich mit dir gehn?
Willst zu meinen Liedern
deine Leier drehn?"

Ich verstehe den Text "Wunderlicher Alter - soll ich mir dir gehen"
als würde der "Winterreisende" ein Selbstgespräch führen und sich selber fragen, "Wunderlicher..." und gibt sich auch selbst die Anwort, ja ich will, "Willst zu meinen Liedern, deine Leier drehn?"


Das habe ich schon mal gepostet - dies nur erneut, weil es hierher passt und "man nicht erwarten kann, dass ein ganzer Thread gelesen wird" (dies eine Einlassung - nicht von mir - in einem anderen Thread).

Herzliche Grüße
zweiterbass

Nachsatz: Ob sich da auch zeitlich etwas überschnitten hat?
Nachsatz 2: "man nicht erwarten kann..." ist natürlich nicht auf Dich bezogen!
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Dienstag, 18. Januar 2011, 04:39

Lieber Helmut Hofmann

Das Lesen von Beiträge in einem Thread wird manchmal durch den engen Bildauschnitt begrenzt, der im kleinen Fensterchen des Bildschirms sichtbar ist. Dadurch ist die optische Wahrnehmung arg eingeschränkt. Guckkasten-Bühne ist ein Ausdruck, der mir in diesem Zusammenhang in den Sinn kommt.

Die Länge dieses Threads (bis zu diesem Zeitpunkt sind es 12 Seiten oder 358 Beiträge) macht es schwierig den inhaltlichen Überblick zu wahren. Ich habe mir die Mühe gemacht, alles durchzulesen und habe dabei mir noch Unbekanntes zu diesem Monument der Musik erfahren. Dieser Teil des Taminoforums zählt übrigens zu den am meisten aufgerufenen Seiten!

Gerechtfertigt finde ich eine Diskussion über die Qualität des Begleitinstrumentes. Dies ist nur im Vergleich in verschiedenen Aufnahmen zu erfahren. Der Liedbegleiter ist ein ebenbürtiger Partner des Sängers. Dieses grundlegende Verhältnis ist in der Würdigung einer Interpretation zu berücksichtigt. Dazu gehört auch das Instrument, das gewählt wurde. Bisher geschah das in meiner Einschätzung zu wenig. Die von mir geposteten Aufnahmen sind aus diesem Grund in diesem Thread.

Die inhaltliche Dimension hat neben interpretatorischen Vergleichen auch seinen wichtigen und berechtigten Platz, denn der Titel lautet: Zyklus der Verzweiflung - Schuberts Winterreise.

Eine Frage, die mir sicherlich jemand beantworten kann:
Trifft es zu, dass Wilhelm Müller für seine Gedichte den Titel "Die Winterreise" gewählt hatte und dass Schubert den bestimmten Artikel wegliess?

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Dienstag, 18. Januar 2011, 05:51

Schubert in Sibirien, ich muss auf diese Aufnahme von Thomas Bauer und Siegfried Mauser zurückkommen, auch wenn Helmut Hofman nichts davon hören möchte. Klaus Voswinckels, der Dokumentarfilmer, der die Musiker mit seinem Team begleitet hatte, schreibt im Booklet: "Schuberts Musik, das war klar, bedeutete hier (in Sibirien) keine Nebensache sondern etwas Essenzielles und Zentrales."
Und über das Konzert in Irkutsk: "Selten habe ich ein Konzert erlebt, in dem solche Aufmerksamkeit und innere Zuwendung unter den Menschen geherrscht hat." Schuberts Musik ist universell und wird überall verstanden.
Ich komme des öftern mit jungen Menschen aus Russland zusammen. Sie erstaunen mich immer wieder mit grosser Kenntnissen von russischer Poesie. Gedichte können sie auswendig aufsagen und man spürt, dass ihnen diese Werke wichtig sind und eine Herzensangelegenheit. Vermittelt wurde ihnen diese Liebe zu ihrer Sprache im Schulunterricht. Ich habe einen russischen Freund, der ein besonderes Verhältnis zur Sprache hat und der mich beschämt in der Kenntnis der deutschen Sprache. Nicht nur spricht er akzentfreies Deutsch. Er rezitiert ganze Werke über hunderte von Seiten auswendig, selbstredend auch den Text der "Winterreise".

Warum ich das erwähne? Gewisse Werte unserer Kultur gehen verloren, weil ihnen nicht mehr der Stellenwert zu kommt. Das bedaure ich. Ich denke, die wenigsten von uns sind im Schulunterricht auf die "Winterreise" aufmerksam gemacht worden. In meiner Gymnasialzeit hatte ich ein Schulkonzert besucht, in dem der Zyklus durch einen meiner Lehrer vorgetragen wurde. Damit war der Funke gelegt.

Vielleicht können hier die Tamino-Mitglieder schreiben, wann und wo ihnen die "Winterreise" das erste Mal begegnet ist.

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